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Warum Verschwörungstheorien Glauben finden

dpa HAMBURG. Steckte die US-Regierung selbst hinter den Anschlägen vom 11. September 2001, und hatte das britische Königshaus beim Tod von Lady Diana 1997 die Finger im Spiel? Wurde US-Präsident John F. Kennedy 1963 Opfer eines Komplotts der Central Intelligence Agency (CIA), und war die Mondlandung 1969 eine Inszenierung?

dpa HAMBURG. Steckte die US-Regierung selbst hinter den Anschlägen vom 11. September 2001, und hatte das britische Königshaus beim Tod von Lady Diana 1997 die Finger im Spiel? Wurde US-Präsident John F. Kennedy 1963 Opfer eines Komplotts der Central Intelligence Agency (CIA), und war die Mondlandung 1969 eine Inszenierung?

Auch bei besonderen Ereignissen, die faktisch ziemlich gesichert erscheinen, pflegen nach einiger Zeit neue Erklärungen aufzutauchen - Verschwörungstheorien, die in vielen Fällen kaum mindere Aufmerksamkeit finden als das Ereignis selbst und für den Autor oft sehr lukrativ sind. Weniger verständlich ist, dass sie vielfach auch geglaubt werden.

Das Magazin „Gehirn & Geist“ (Heidelberg, Nr. 4/2004) geht in einem Beitrag der Frage nach, welcher Logik Verschwörungstheorien folgen und warum sie so viele Anhänger finden. Der Soziologe Ted Goertzel von der Rutgers University in Camden (US-Staat New Jersey) las Versuchspersonen zehn Verschwörungslegenden vor und fragte dann, welche sie für glaubwürdig hielten. Das Ergebnis: Die Mehrzahl der Befragten hielt mindestens eine der vorgestellten Verschwörungen für zutreffend, viele aber auch mehrere. Jeder Zweite stimmte beispielsweise der Behauptung zu, die Japaner hätten sich verschworen, um die amerikanische Wirtschaft zu ruinieren.

Die Studie des Amerikaners ergab außerdem, dass unzufriedene Menschen eher an Verschwörungen glauben als zufriedene. Wer dafür besonders anfällig war, neigte zu einem gesteigerten Misstrauen gegenüber Politikern und Behörden - was gerade für die Mitglieder sozialer oder ethnischer Minderheiten galt. So zeigten sich viele der befragten Afroamerikaner überzeugt, dass die US-Regierung das Aidsvirus in geheimen Labors erzeugt und Schwarze damit absichtlich infiziert hätte.

Der Glaube an eine Verschwörung basiert also oft auf Vorurteilen. Charakteristisch für viele Theorien ist die Botschaft, dass hinter dem Ereignis eine böse Macht steht. Der Professor für Psychologie an der Universität Bamberg, Dietrich Dörner, stellte bei seinen Forschungen fest, dass Menschen dazu neigen, komplizierte Sachverhalte stark zu vereinfachen und möglichst auf eine einzige Ursache zu reduzieren. Das bringt Ordnung ins Chaos und macht die Welt verständlich. Der Glaube an eine Verschwörung, den geheimen Masterplan einer mächtigen Organisation, beruht meist auf einer eindimensionalen Sichtweise. Ursache und Wirkungen bilden eine lineare Kette. Mehrdeutigkeiten haben darin keinen Platz.

Als Objekte für Verschwörungstheorien ohne reales Ereignis eignen sich besonders Minderheiten, denen gegenüber Vorurteile bestehen. Ein symptomatisches Beispiel sind die Juden. Die vermutlich vom zaristischen Geheimdienst Ende des 19. Jahrhunderts in Russland in Umlauf gebrachte und dann weit in der Welt verbreitete angebliche Niederschrift einer jüdischen Geheimtagung, „Protokolle der Weisen von Zion“, sollte eine Weltverschwörung der Juden und Freimaurer beweisen.

Opfer einer frühen Verschwörungstheorie waren die Christen. Nach dem Brand vom Rom im Jahr 64 entstand das Gerücht, Kaiser Nero selbst und seine Paladine hätten ihn gelegt. Daraufhin machten Berater den Kaiser auf die Christen in Rom aufmerksam, auf die der Volkszorn gelenkt werden könne. So schob er dann „die Schuld auf andere und strafte mit ausgesuchten Martern die wegen ihrer Verbrechen verhassten Leute, die das Volk Christen nennt“, wie der Geschichtsschreiber P. Cornelius Tacitus (55-115) berichtet.

Eines der Lieblingsobjekte von Verschwörungstheorien ist der Vatikan. Er ist nicht nur eine Institution von höchstem religiösem Rang, sondern wird auch, speziell in der protestantischen Welt, traditionell mit Argwohn betrachtet. So soll etwa der Vorgänger des jetzigen Papstes, Johannes Paul I., Opfer eines Mordkomplotts von Mitgliedern der Kurie geworden sein, weil sie den Verlust ihrer Macht durch eine päpstliche Palastreform befürchteten. Von einem vatikanischen Mordkomplott war auch die Rede, nachdem der prominente Bankier Roberto Calvi, Geschäftspartner des vatikanischen Geldinstituts IOR, 1982 unter der Blackfriars-Brücke in London erhängt aufgefunden worden war. Auch bei dieser Theorie sah der Vatikan keinen Anlass zu einer Stellungnahme.

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