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Trüffeljagd in der Drôme

Nein! Fotos zu machen ist unerwünscht. Keiner will hier so recht zugeben, mit was er dealt. Die heiße Ware in kalten Zeiten schlummert in gebrauchten Plastiktüten und gelben Kartoffelsäcken. Es handelt sich um Trüffeln - die haben jetzt Saison. Ein Wochenende in der Drôme.

Die Mützen tief ins Gesicht gezogen, die Kragen hochgeklappt, stehen die Männer in ihren Arbeitsjacken hinter den Kofferraumklappen ihrer Kleinwagen. Den Fond wie die Rücken schön von der Straße abgewandt. Aber trotzdem oder gerade deswegen drängeln sich an diesem eiskaltem Dezembermorgen Menschenmassen durch die kleine Straße, die links vom üblichen Samstagsmarkt in Richerenches abbiegt. "Ah, bonjour!" Wer ist der Mann, der uns da gerade freundlich grüßt? War das nicht der Küchenchef vom Château de Rochegude? Der, in dessen Küche gestern der Kochkurs stattfand? Aber natürlich! Was der hier will? Nachschub natürlich!

Die Saison fängt gerade erst an, hier in der Drôme, im Norden der Provence, im Süden Frankreichs. Und es geht natürlich um Trüffel - Tuber melanosporum -, den keiner hier so recht vermutet. Weißer Trüffel aus Alba? Ja! Und schwarze Trüffeln aus dem Perigord? Natürlich! Aber dass 80 Prozent der französischen Trüffeln in der Nähe der Rhône gefunden werden, weiß kaum jemand. Vielleicht ist die Bezeichnung schuld. Das, was man hier unter Eichen findet, nennt sich nämlich Perigordtrüffel, auch wenn dieser Landstrich im Südwesten Frankreichs Hunderte von Kilometern entfernt ist.

Mandoline wieselt um die Beine von Philippe herum. Der gut aussehende, drahtige Anfangvierziger schließt den Reißverschluss seiner gewachsten Jacke, holt die Handharke aus dem Schuppen und steigt in seinen Fourwheeldrive. Mandoline, die schwarzgraue Hundemischlingsdame, sitzt schon auf dem Beifahrersitz. Bei einem kleinen Eichenwaldstück wird gehalten. Mandoline springt aus dem Wagen und ist schon verschwunden, Philippe hinterher. Dort, wo der flinke Hund seine Schnauze besonders tief in den Boden steckt, schubst ihn sein Herrchen sanft vom Flecken, setzt die Harke vorsichtig an, gräbt und buddelt weiter mit den Händen und aaaah, da ist er ja, der kleine braunschwarze Wonneproppen!

Vor ein paar Jahren wäre Mandoline ein Schwein gewesen, das seinem Herrchen pro Saison ein kleines Vermögen zusammengesucht hätte. Allerdings wäre er dann wie sein Suchmittel im Kochtopf gelandet. "Hunde", sagt Philippe, "sind einfach viel besser für die Trüffelsuche geeignet!" Sie futtern die kleinen schwarzen Knollen nicht, sondern finden mit ihren feinen Nasen nur heraus, wo sich welche in der Erde verstecken. Ganz im Gegensatz zu einer Sau. Die reagiert auf den "schwarzen Diamanten" wie beim Anblick eines Ebers - entzückt! Denn der Duft, den dieser Edelpilz (der eigentlich eine Baumkrankheit ist) verströmt, ist dem der Sexuallockstoffe ziemlich ähnlich. Und deshalb futterten sie die teuren Knollen (aktueller Tagespreis zirka 500 Euro pro Kilo) ratzfatz weg, wenn man sie ließe - der Grund, warum Schweine aus den Trüffelwäldern fast vollständig verschwunden sind.

Mandoline geht nicht ganz leer aus. Ein kleines Stückchen Käse bekommt die junge Hündin bei jeder Trüffelkugel, die sie an diesem kalten Nachmittag zwischen den fast blattlosen Eichenbäumen findet. Es werden viele Stückchen. Darauf achtet schon allein Blanche. Die blonde Französin, die in Genf lebt, hat sich und ihrem Partner ein "Trüffelwochenende in der Drôme" geschenkt. Und nun stehen die beiden mit hohen Stiefeln und einer Handvoll weiterer Gäste um Philippe und Mandoline herum, und jedes Mal geht ein "Aaaaah!" durch die Runde, wenn die beiden erfolgreich sind.

Zu Hause im Maison du Moulin, einer alten Mühle, die der Belgier Philippe zusammen mit seiner Frau Bénédicte in einem kleinen Tal unweit von Grignan vor Jahren gekauft und umgebaut hat, glüht schon das Kaminholz. Die Küche mit dem Herdblock in der Mitte ist aufgeräumt, die lange Tafel im Nebenraum gedeckt. Neben dem Trüffelmarkt in Richerchens, der Trüffelsuche im hauseigenen Eichenwald, einer Weinprobe beim benachbarten Winzer steht nun der Kochkurs auf dem Programm. Bénédicte verteilt die Schürzen und die gefüllten Weingläser.

Was heute auf dem Menü steht, weiß die goldgerahmte Tafel an der Wand: Jakobsmuscheln mit Trüffeln, getrüffelte Taubenschenkel und zum Abschluss Tiramisu mit Trüffelaroma. Es wird heiß am Herd, und schnell trennt sich die Spreu vom Weizen: Einige Kochschüler erweisen sich als echte Profis, den anderen hilft die resolute Bénédicte beim Hantieren mit dem Trüffelhobel. Die Mitte-Vierzig-Jährige hatte schon Sarah Wiener und ihr Filmteam zu Besuch. Sie weiß, wie man mit anspruchsvollen Gästen umgeht.



Am nächsten Morgen gibt es Nachschlag. Wer immer noch nicht genug getrüffelt hat, den beglückt das Frühstücksei. Aufgeschlagen zum berühmten Trüffelomelette, trägt es viele kleine, schwarze, hocharomatische Krümel in sich. "Was das wieder kostet!" sagt Blanche. Aber zum Glück passt sich der Preis des Schwarzgoldes der allgemeinen Wirtschaftslage an.

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