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Filmtipp: "Sein Bruder"

Ein Mensch stirbt, und eine Kamera schaut zu. Patrice Chéreau, der französische Theater- und Film-Regisseur, ist unerbittlich. Er lässt nicht ab zu zeigen, wie ein Körper zerfällt.

Am unausweichlichsten in der Vorbereitungs-Szene zu einer Operation, der Körper wird da glattrasiert, minutenlang. So ist das also: sehr hässlich, sehr würdelos, mechanisch-kalt. Chéreau dokumentiert nicht, er inszeniert, was ihm erst die ungeheure Nähe und Intimität erlaubt. Der Mann, den eine unheilbare Erkrankung des Bluts langsam auffrisst, verliert zusehends seine Individualität, seine Persönlichkeit, wird zum zerfallenden Körper, zum 'Gegenstand' im Klinik-Betrieb. Schlimm.

Aber es gibt unerwartete Momente der Zärtlichkeit. Sie kommen von einer anderen Geschichte. Der Mann wird von seinem jüngeren Bruder gepflegt. Die beiden hatten seit den Tagen der Kindheit ein denkbar schlechtes Verhältnis zueinander, das sich jetzt erst verändert. Zuneigung entsteht, Fürsorge, das Gefühl dass man zusammengehört. Der jüngere empfindet für den älteren Bruder so etwas wie Mütterlichkeit und, ja, Liebe.

Der Mut der beiden Schauspieler, so weit zu gehen, ist groß: Bruno Todeschini und Eric Caravaca. Das Ende zeigt die beiden an der bretonischen Küste. Da hat sich der sterbende Mann allen Rettungsversuchen der Medizin entzogen, weil er wenigstens den eigenen Tod für sich haben will. Man muss diesen kühnen, diesen extremen und rigorosen Film nicht mögen. Aber er nimmt einen mit. Man kommt aus dem Kino und ist verstört.

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