Wegen NSDAP-Mitgliedschaft
Grass verteidigt Literaturwissenschaftler

Mehrere wegen ihrer angeblichen früheren NSDAP-Mitgliedschaft kritisierte Geisteswissenschaftler sind von Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass (76) verteidigt worden. Mit Enthüllungen dieser Art könne man „nicht ein Leben zudecken“, sagte Grass der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

HB FRANKFURT. Der Schriftsteller wandte sich gegen den „Häme-Ton“, der in den Fällen der Literaturwissenschaftler Walter Jens, Walter Höllerer und Peter Wapnewski angeschlagen werde.

„Wenn man über sie urteilt, dann muss man tolerieren und anerkennen, dass alle, die diesen Jahrgängen angehört haben, sofern sie's überlebt haben, die Chance hatten, etwas daraus zu machen“, sagte Grass der Zeitung. Er finde es „jämmerlich“, wenn man sich in dieser Diskussion lediglich an ein paar dürre Fakten halte.

Jens (80) hatte unlängst Fehler eingeräumt. Er habe nach wie vor keine „Erinnerungsbilder“ an seine NSDAP-Mitgliedschaft, sagte er. Er räumte aber im Fernsehen ein: „Ich verstehe, dass viele von mir enttäuscht sind. Ein bisschen frühere Deutlichkeit, etwa am Ende der 50er und am Anfang der 60er Jahre, wäre um der umfassenden Redlichkeit willen angezeigt gewesen“, sagte der Tübinger Rhetoriker im Interview mit seinem Sohn, dem Journalisten Tilman Jens.

Auf die Frage, wie er sich die Reaktion mancher Betroffener erkläre, die teils leugnen oder sich nur Stück für Stück erinnern, meinte Grass, der schon sehr früh die Verführbarkeit durch den Nationalsozialismus offen thematisiert hatte: „Scham! Ich kann es nur von meiner eigenen Biografie her erklären. Diese Befangenheit in der Ideologie des Nationalsozialismus ist eine Periode, in der ich mich im Rückblick als eine völlig fremde Person begreife und mir mein Verhalten nicht erklären kann“.

Grass verwies auf die Erschießung eines Cousins seiner Mutter als Freischärler und bezeichnete es als unbegreiflich, dass er als 14-/15-Jähriger damals nicht Fragen gestellt habe. Grass war bei Kriegsende 17 Jahre alt. In die NSDAP habe man erst mit 18 Jahren eintreten können, sagte der Schriftsteller und räumte zugleich ein, dass bei einer geschlossenen Überführung der Hitlerjugend in die NSDAP dies vermutlich auch auf ihn zugetroffen hätte.

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