Weingärtners Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ erzählt, wie schwer es ist, einen Alt-68er zu entführen
Die Rebellen sind ratlosHans

Blutrot ist die Farbe, und der Spontispruch ist wohl bekannt. „Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle“ kleckst Jule, gespielt von Julia Jentsch, auf ihre Wohnungswand, die sie eigentlich tapezieren wollte. Doch tapeziert wird nicht mehr, auch nicht gebuckelt und gedienert im Nobelrestaurant, wo sie sich über die blasierten Gäste ärgert und von ihrem Chef zusammengestaucht wird. Jule will mit ihren Freunden die Welt verändern und weiß noch nicht wie.

HB DÜSSELDORF. Hans Weingartners zweiter Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ ist ein Film über das Jungsein, über neue Revolutionäre und, ganz nebenbei, auch ein Kommentar zur Lage einer Nation auf wirtschaftlicher Talfahrt. Das Berliner Twentysomething-Trio, gespielt von Julia Jentsch, Daniel Brühl und Stipe Erceg bastelt sich aus dem Füllhorn des Politischen eine Sozialutopie, einen Mix aus Robin-Hood-Romantik, Do-it-yourself-Ethos und den Botschaften von Attac.

Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) kurven schon seit einiger Zeit mit einem alten VW-Bus durch Villenvororte, spähen aus – und brechen in die Häuser derer ein, die auf der anderen Seite stehen. Klauen würden sie nie in den Häusern der Reichen. Ihnen Angst machen aber schon. Sie türmen die Möbel aufeinander, treiben kreativen Schabernack und beschmieren Wände. Doch mit der unfreiwilligen Entführung des Managers Hardenberg wird aus dem Spaß an der Rebellion plötzlich Ernst.

„Die fetten Jahre sind vorbei“ war 2004 der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag in Cannes seit elf Jahren. Er wurde dort begeistert aufgenommen. Der Film will das Lebensgefühl einer Generation auf den Punkt bringen. „Vielleicht machen sich die jungen Leute auf die Suche nach ihrer verschütteten revolutionären Energie. Das wäre ein Traum von mir“, sagt der 34-jährige Regisseur, der aus Österreich stammt.

Das Miteinander zwischen Entführern und dem Opfer, einem echten 68er, ist ein Paradebeispiel dafür, was junge Filmemacher, Künstler und Autoren heute von ihrer Vätergeneration halten. Von der Generation Hardenberg – wunderbar hinterhältig und gleichzeitig komisch gespielt von Burghart Klaußner – scheinen sie nichts zu erwarten. Deren Gang durch das System wurde zum Irrweg. Und vor allem: Diesen Menschen ist nicht zu trauen.

Manager Hardenberg, von dem man weder den Vornamen noch die Branche des Unternehmens erfährt, wird auf eine Berghütte nach Österreich verschleppt. Doch Hüttenzauber, karierte Tischdeckchen, Hardenbergs Vergangenheit beim Sozialistischen Studentenbund und die Erzählungen aus seiner Studenten-WG können den Generationsbruch nur scheinbar kitten. Auch wenn Hardenberg zugibt: „Wir hätten auch mal gerne so einen Bonzen in die Mangel genommen.“

Auf der Hütte herrscht Katerstimmung. Was soll man mit einem Entführungsopfer machen, das sich ohne Geld und Verantwortung sichtlich wohl fühlt. Das Rebellentrio ist ratlos. Dazu kommt noch die Erkenntnis, dass die freie Liebe – Jan, Jule und Peter laborieren hart an ihrer Menage à trois – doch nicht so einfach funktioniert wie damals in der Love-Kommune Hardenbergs.

Es ist vor allem die Ratlosigkeit über die Richtung des Protests, die den ausschließlich mit digitalen Handkameras gedrehten Film so authentisch erscheinen lässt. „Wenn man weiß, wer man ist, ist man fertig“, heißt es beim Dramatiker Heiner Müller. Genau darum geht es.

Mit „Die fetten Jahre sind vorbei“ kommt – neben Michael Kliers atemberaubendem „Farland“ und „Gegen die Wand“ von Fatih Akin – jetzt ein weiterer deutscher Streifen in die Kinos, der seine Kraft nicht aus dem Wissen, sondern aus der Unsicherheit seiner Protagonisten schöpft. Und die Hoffnung nährt, dass der deutsche Film nicht nur in Richtung nette Komödie abdriftet. „Die fetten Jahre“ sind wild, laut und auch ernsthaft, ganz anders als Frohsinnskino à la „Sieben Zwerge“, das echten Spaß mit Klamauk verwechselt.

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