Weltweites Interesse
Späte Renaissance des Jiddisch

„Meschugge“ und „Mischpoke“ – die jiddische Sprache ist sehr alt und hat nicht nur im Deutschen ihre Spuren hinterlassen. Vergessen ist sie jedoch nicht: Weltweit wollen immer mehr Menschen Jiddisch lernen. Die schon lange totgesagte Sprache wird an die Neuzeit angepasst.

TEL AVIV. Die Worte, sie klingen vertraut – zumindest in den Ohren der deutschen Kursteilnehmer. Auch mit der Aussprache haben sie meist keine Probleme. „Du darfst zu Gast kumen“, sagt der Lehrer vorne am Pult und wiederholt den Satz einmal, ein zweites Mal. Dann greift der Mann zu einem Stift, um die Worte an eine Tafel zu schreiben – mit hebräischen Buchstaben von rechts nach links. Spätestens da steigen aber auch die Deutschen aus.

Beim Schreiben helfe die deutsche Sprache einem nicht viel weiter, müssen sie zugeben. Dennoch, sie wollen Jiddisch lernen. Um beispielsweise einen besseren Zugang zu ihrer eigenen Sprache zu haben: „Die erste deutsche Schriftsprache war ja Jiddisch“, sagt der 24-jährige Jura-Student Philipp Schäfer aus Berlin. Um jiddisch-deutsche Verbindungen untersuchen zu können: „Es gab sehr starke jiddisch-deutsche Beziehungen und Beeinflussungen, die noch weitgehend unerforscht sind“, sagt die 36-jährige Sprachwissenschaftlerin Juliette Brungs, die an einer US-Universität Deutsch unterrichtet.

Brungs und Schäfer nehmen an einem Jiddisch-Kurs an der Tel Aviver Universität teil, der diese Woche endet. Sie sind Teil einer internationalen Truppe, die sich für eine Sprache interessiert, die schon lange totgesagt wurde. Sie kommen aus Berlin, New York, Posen, Tel Aviv oder Tokio. Dort arbeiten sie als Historiker, Juristen, Linguisten, Schauspieler, Literaturwissenschaftler oder Übersetzer.

„Das Interesse für Jiddisch-Studien steigt weltweit“, sagt Hana Wirth-Nesher, Kursleiterin und Direktorin des „Goldreich Family Institute for Yiddish Language, Literature and Culture“. Die Motive sind so unterschiedlich wie die Herkunft der Kursteilnehmer. Der in Argentinien aufgewachsene Matias Wolkowicz möchte Sprache und Kultur seiner Vorfahren kennen lernen, ohne sich auf Übersetzungen verlassen zu müssen. Für Rafael Witkowski, Geschichtsdozent an der Universität in Posen, ist das Jiddisch-Studium „eine Reise in die Geschichte meines Landes. Denn während Jahrhunderten waren Jiddisch und die jiddische Kultur ein Teil der polnischen Geschichte. Man kann sie nicht begreifen, ohne Jiddisch zu verstehen.“ Die Literaturwissenschaftlerin Kinga Czuchraj aus dem südpolnischen Wroclaw will die polnische und die jiddische Kinder- und Jugendliteratur miteinander vergleichen, weil sie sich gegenseitig beeinflusst hätten. Und für die in Berlin studierende Israelin Rina Tzinman ist Jiddisch so etwas wie eine „Zeitmaschine“, die ein Eintauchen in die Vergangenheit erlaube.

Jiddisch sei letztlich eine kosmopolitische „loschn“ (Sprache) – und gerade das habe sie daran gereizt, sagt die Japanerin Satoko Kamoshida. Die 27-jährige Linguistik-Doktorandin aus Tokio hat bereits in Litauen und in den USA Jiddisch-Kurse belegt und will jetzt ihre Kenntnisse in Tel Aviv ausbauen, um bei ihren Sprachsoziologie-Studien weiterzukommen. Dabei interessiert sich Kamoshida vor allem für die Schwierigkeiten, eine Sprache am Leben zu erhalten, die an keinen Staat gebunden ist: „Es gab ja nie ein Land, in dem man Jiddisch sprach.“ Ihr ist bewusst, dass sie in ihrer Heimat damit zu den Exoten zählt: „Ich kenne höchstens zehn Jiddisch sprechende Japaner“, sagt sie.

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