Wenders aktueller Film ist „Land of Plenty“
Das Auge der Kamera

Wim Wenders ist immer unterwegs: als Suchender und als scharfsinniger Analyst gesellschaftlicher Widersprüche.

Der circa 20 Meter lange Gang ist mannshoch von gelben und orangefarbenen Aktenordnern gesäumt. „Million Dollar Hotel“ steht darauf, „Paris Texas“, „Buena Vista Social Club“, „Der Himmel über Berlin“. Filmtitel. Filme von Wim Wenders.

Der kommt im blauen, lockeren Nadelstreifenanzug und silbrigblau funkelnden Adidas-Turnschuhen daher, mit dicker, schwarzer Ray- Ban-Brille und leicht angegrautem, welligem Haar. Herüberspaziert ist er an diesem wunderbar lauen Herbstnachmittag von seiner nahe gelegenen Wohnung in Berlin-Mit- te, um jetzt in dem sonnendurchfluteten Büro seiner neuen Produktionsfirma Reverse Angle über seinen aktuellen Film zu sprechen: „Land of Plenty“, seiner eigenen Version und Vision eines Landes nach dem Schock des 11. September. Die Geschichte einer jungen, tiefgläubigen Idealistin, die in einem Obdachlosenheim von Los Angeles arbeitet, und die eines zutiefst verstörten Vietnam-Veteranen, der überall Verrat wittert und den „Krieg gegen den Terror“ auf eigene Faust aufgenommen hat.

Seit 1996 lebt Wim Wenders, 59, wieder, zum zweiten Mal, in Amerika, noch in Los Angeles, bald schon in New York. Diesmal aber, im Gegensatz zu den 80er-Jahren, mit einem Standbein in Berlin. Hier wird er seinen nächsten Film drehen. „Diese Stadt ist so lebendig“, findet er. „Es ist selten und spannend, dass eine Stadt mehrere Leben hat. Paris dagegen ist heute immer noch so, wie vor 40 Jahren, als ich dort lebte.“ Nach Paris zog es den damals 20-jährigen Wim Wenders, um Malerei zu studieren. Das Medizin- und Philosophiestudium an der Albert-Ludwig-Universität in Freiburg/Br., dem Vater, selbst Arzt, zuliebe begonnen, brach er dafür ab. „Irgendwie habe ich gemerkt, dass ich nicht zum Arzt taugen würde, dass meine kreativen Interessen mir zu wichtig waren, um sie hintenan zu stellen.“

In Paris machte er eine Ausbildung als Kupferstecher, in der Freizeit sah er sich fast alle Filme an, die in der dortigen Cinémathèque gezeigt wurden, darunter sämtliche deutsche Filmklassiker. Kurz darauf begann er das Studium der Filmgeschichte. 1968 wechselte er an die Hochschule für Film und Fernsehen in München, schrieb Filmkritiken, drehte erste Kurzfilme und 1969/70 seine Abschlussarbeit, den Spielfilm „Summer in the City“. 1971 gehörte Wenders zu den Gründungsmitgliedern des Filmverlags der Autoren, 1975 gründete er seine eigene Produktionsfirma Road Movies. Die Unabhängigkeit war es, die dem Regisseur schon immer das Wichtigste war.

„Ich kann nicht anders Filme machen“, sagt er schlicht. Anderthalb Jahre zuvor gehörten ihm nicht einmal mehr die Rechte an seinen Filmen, deren Aktenordner heute die Gänge des Büros säumen. Road Movies war infolge des Börsencrashs seiner Mutterfirma „Das Werk“, mit der sich Wenders 1999 zusammengetan hatte und an die Börse gegangen war, Pleite gegangen. Wenders sah sein Lebenswerk seinen Händen entgleiten, die Rechte an den eigenen Filmen musste er zurückkaufen. Geld hat er „in sehr großem Ausmaß“ verloren. Der Drang zur Unabhängigkeit jedoch, der blieb. Wim Wenders möchte seine Filme auf seine Art machen. So wie „Land of Plenty“, einen absoluten Schnellschuss. In drei Tagen schrieb er das Drehbuch, drei Wochen später wurde gedreht. „Ich hatte viel Wut im Bauch, als ich diesen Film gemacht habe.“ Wut über amerikanische Politik, Wut über die Verletzung menschlicher Grundrechte und Werte wie Sanftmut und Nächstenliebe. Denn Wenders, katholisch aufgewachsen, trat zwar mit 23 Jahren aus der Kirche aus, in den 90er-Jahren aber in die evangelische Kirche ein.

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