Wer ist der Herr, wer der Diener?
Die Windungen einer verworrenen Geschichte

Ein Diener und ein Herr reiten ihres Weges und vertreiben sich die Zeit mit Gesprächen über ihre Liebesabenteuer. Eingentlich scheint die Geschichte ganz einfach. Doch sie verstricken sich in immer neue Abentuer, die sie vom Pfad der Geschichte wegführen.
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LEIPZIG. Hufgetrappel zweier Pferde erschallt. Zwei Reiter traben einen Weg entlang. Ein Sprecher, offensichtlich eine in die Geschichte eingebundene Hörer-Figur, fragt aus dem Hintergrund: "Wo kamen Sie her?" Ein anderer, der Erzähler der Geschichte, antwortet: "Aus dem nächsten besten Dorf an ihrem Weg." Der erste Sprecher fragt weiter: "Wo gingen Sie hin?" Der Erzähler antwortet: "Weiß man je, wohin man geht?" Der Hörer hakt weiter nach: "Wie hießen die beiden?" Die geduldige Antwort: "Sie hießen Jakob und sein Herr."

Diese Sätze leiten das Hörspiel "Jakob und sein Herr" von Hans Magnus Enzensberger ein. Dieser hat die Erzählung des französischen Philosophen Diderot als Hörspiel adaptiert. Der französische Originaltitel "Jacques le fataliste et son maître" gibt deutlichere Hinweise auf den philosophischen Hintergrund der Erzählung.

Jakob und sein Herr sind auf einer Reise - wohin, das ist offensichtlich unbedeutend. Denn diese Reise ist nur der Anlass, eine Geschichte zu erzählen. Jakob hat eine Liebschaft. Und sein Herr drängt ihn, von dieser zu berichten.

Der Erzähler versichert dem Leser, Jakobs pikante Schilderungen nicht mit Abschweifungen über waghalsige Abenteuer der beiden zu unterbrechen und so die gesamte Geschichte unnötig in die Länge zu ziehen. Doch genau darin versteigt sich der Erzähler in Enzensbergers Hörspiel-Adaption. Zahlreiche Verwicklungen lenken vom Hauptstrang ab. Auf immer neue Abschweifungen nimmt der Erzähler den Zuhörer mit. In immer neue Abenteuer verstricken sich Jakob und sein Herr.

Genauso stockt der Bericht über Jakobs Liebschaft. Immer wieder verliert er den roten Faden, schwelgt in Erinnerungen an sein Leben als einfacher Soldat. Dieses Abschweifen treibt Jakobs Herrn zur Weißglut. Auch den Zuhörer stört das immer wieder gebrochene, und dann doch stets wieder erneuerte Versprechen des Erzählers, die Geschichte ohne Umschweife darzulegen. Doch mit jedem Schlenker, der vom Hauptstrang der Erzählung wegleitet, vervollständigt sich die große, alle Anekdoten überspannende Gesamtgeschichte.

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