Wer liest was
Was liest Ulrich Wickert?

"Mit großer Faszination lese ich gerade ,Das Tagebuch der Maria Meinhof? von Renate Meinhof. Maria Meinhof war Pfarrersfrau in Ducherow bei Stettin. Und sie schreibt ihr Tagebuch von April 1945 bis März 1946, damit ihre Söhne, die im Krieg sind, wissen, was in diesen Tagen vorfiel.

Von ihren sechs Söhnen kehren drei zurück. Und nur einer hat die Handschrift bald ein halbes Jahrhundert später entziffert, als Marias Enkelin Renate Meinhof das Tagebuch auf dem Speicher des Pfarrhauses von Putbus findet.

Nun schreibt Renate Meinhof als Journalistin für die Süddeutsche Zeitung. Und da die Großmutter meist nur andeutet, was ihr und den anderen Frauen in dem Dorf widerfuhr, geht die Enkelin den Spuren nach. Sie findet Überlebende und liest in deren Erinnerungen.

Diese Spurensuche enthüllt die bisher in einem Tabu versteckten Wurzeln, weshalb sich zwischen DDR-Bürgern und Sowjetsoldaten nie Freundschaft entwickeln konnte. Aber sie erklärt auch den Aufbruch im Westen, als junge Menschen plötzlich nach der Nazi-Vergangenheit ihrer Väter fragten. Denn der Gauleiter und seine Richter, die den Lebensmittelhändler erhängten, kamen in der Bundesrepublik gut davon.

Heute noch fragen sich die Frauen aus Ducherow, was wohl ihre Brüder in Russland angestellt haben, dass "die so über uns herfielen". Mit außerordentlichem Feingefühl und ungewöhnlichem literarischem Talent fügt Renate Meinhof dem Tagebuch weitere Szenen hinzu. Sie führt uns vom Kriegsende in die Gegenwart und erzählt, wie so manch eine Frau ihr Leben bis heute ertrug. Und immer wieder begegnet uns in dem Buch der Satz: ,So ist Krieg, deshalb darf Krieg nicht sein.?"

RENATE MEINHOF: Das Tagebuch der Maria Meinhof Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2005, 189 Seiten, 15,95 Euro

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