Wie man das Handwerk des Drehbuchschreibens erlernt
Hallo Hollywood

Seit zwölf Jahren bringt Wolfgang Kirchner Filmhochschülern in Ludwigsburg und Berlin das Handwerk des Drehbuchschreibens bei. Nun zeigt er die wichtigsten Werkzeuge an einem Wochenendkurs der Filmschule Hamburg Berlin.

Die Tür fliegt auf, ein Mann mit zerzaustem Haar und verbeultem Jackett steht da. Er kommt zu spät, die Arbeitsgruppe hat längst angefangen. „Ich bin überfallen worden“, sagt er. „Bei mir zu Hause. Von der Polizei.“ Die zwölf Teilnehmer des Drehbuchseminars schreiben weiter. Ich lege den Stift weg. Wer ist der Mann? Noch zweieinhalb Tage bleibt mir Zeit, das herauszufinden. Denn wir erwecken Menschen zum Leben, die es nur in unserer Phantasie gibt. Wie den Mann auf der Flucht.

„Als Drehbuchautoren erschaffen wir Figuren nicht“, sagt Wolfgang Kirchner. „Wir sehen sie, wenn sie uns auf die Schulter klopfen.“ Der Seminarleiter sitzt im Erdgeschoss des Brecht-Hauses in Berlin-Mitte neben einem Fernseher mit DVD-Spieler.

Seit zwölf Jahren bringt Kirchner Filmhochschülern in Ludwigsburg und Berlin das Handwerk des Drehbuchschreibens bei. Nun zeigt er die wichtigsten Werkzeuge an einem Wochenendkurs der Filmschule Hamburg Berlin.

Kirchner wird uns 16 Kärtchen geben, auf denen die 16 wichtigsten Schritte des Drehbuchs stehen. Wir werden ein magisches Buch entdecken, unsere Helden in den Abgrund stürzen und retten. Wir werden das Ganze noch einmal in Zeitlupe anschauen. Denn ich habe ein bisschen vorgespult. Aber wir lernen ja bereits bei Karte 2, dass am Anfang das Thema anklingen muss: „Gib uns ein Bild von der Mission des Helden.“

Unsere Mission: Hollywood erobern, vielleicht auch Babelsberg oder Cinecittà. Auf alle Fälle etwas, das eine große Leinwand zum Flimmern bringt und die Zuschauer davor zum Beben und Lachen. In den USA und England ist Filmeschreiben und -drehen längst ein Handwerk. In Deutschland gilt es oft noch als Schicksalsschlag. An hiesigen Filmhochschulen gibt es nicht einmal ein Curriculum über die Grundsätze, die Studenten beim Drehbuchschreiben wissen sollten.

Doch langsam ändert sich etwas im Land der Dichter und Denker. In ganz Deutschland werden immer mehr Scriptkurse gehalten, zahlreiche Bücher zum Thema erscheinen auf Deutsch. Der kreative Aufbruch passt zum gesellschaftlichen. In Zeiten von Hartz IV und Ich-AG wird die Unsicherheit größer, doch die Chancen auf einen Neuanfang steigen. Ein Tischler ist nicht mehr für den Rest seines Lebens Tischler, sondern schult auf Programmierer um.

La deutsche Vita wird offener, wandelbarer. Da kommen die anglo-amerikanischen Ideen von Filmen, in denen die Menschen durch Herausforderungen wachsen, gerade recht. Sie spiegeln ein erwachendes Lebensgefühl im Lande: Jeder ist seines Glückes Drehbuchautor. An weißen Tischen sitzen deshalb jetzt Werbetexter, Studenten und Journalisten zwischen 20 und 56 Jahren. Wir kommen aus Hannover, Hamburg, Berlin und wollen es wissen: How did you do it, Mr. Hitchcock? Wie haben Sie das gemacht, Monsieur Truffaut?

Jede Odyssee ins Unbekannte braucht einen weisen Berater. Kirchner wurde durch Drehbücher wie „Das Spinnennetz“ mit Bernhard Wicki zu einem der gefragtesten Fachleute für Literaturverfilmungen. Seine Schüler schrieben Kinofilme wie „14 Tage lebenslänglich“, das Fernsehepos „Der Tunnel“ und Serienfolgen für „Bella Block“. Die Reise kann beginnen.

„Der Zuschauer muss Ihren Helden von Anfang an lieben“, sagt Kirchner. „Egal, ob er ihn schön findet oder schrecklich.“ Aber wie? „Am besten, Sie sammeln für Ihren Helden erst mal negative Eigenschaften. Das macht ihn interessant.“ Okay, mein Held, dein Name sei Carlos. Du bist also in deiner Wohnung überfallen worden, von der Polizei. Eine Razzia. Kein Wunder. Du trinkst zu viel, leihst dir ständig Geld von Freunden und Frauen und vergisst alles, besonders das Geld.

„Dann geben Sie ihm ein oder zwei Eigenschaften, die ihn sympathisch machen.“

Du hast ein großes Herz für menschliche Schwächen, zu dir kann jeder kommen, wie er ist. Du bist ein begnadeter Maler, der ein gestohlenes Dokument hütet, das die Polizei gerne hätte. (Psst. Das bringt Spannung. Der Zuschauer weiß mehr als der Kommissar.

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Am folgenden Tag zieht jeder einen Zettel. Auf meinem steht: „Wie wäre es mit einer Story über ein Verhängnis? Sie handelt von einer Witwe, einer Rose und einem Fitnesscenter.“ Kirchner schaut auf die Uhr: „Sie haben zehn Minuten Zeit zu schreiben.“ Die Uhr läuft. Halt, Stop, Pause. Wie soll das denn gehen?

Auch im Kopf läuft oft ein Film ab. Im Kino kommt eine schöne Geschichte, schon erscheint vor dem geistigen Auge der Abspann „Das könnte ich nie.“ Doch Kirchner sagt: „Die negativen Selbstgespräche müssen aufhören, damit wir kraftvolle Drehbücher schreiben können.“

Die von klein auf erlernten Konzepte von „Das kannst du nicht“ bis „Das bist du nicht“ kann jeder durch produktive Bilder von sich selbst ersetzen. Script-Doktorin Marisa D’Vari empfiehlt dafür ein „Magisches Buch“, eine bunte Kladde, in die alle Ideen, Träume, Geistesblitze, die jeden Tag auf uns warten, hineinkommen. Als geschriebener Beweis für die Kraft der eigenen Phantasie.

Okay. Witwe, Rose, Fitnesscenter. Ich schreibe los. Einfach den Gedanken folgen, sie werden schon wissen, wohin es geht. Es funktioniert. Der Plot ist natürlich streng geheim, nur so viel: Die japanische Witwe hasst Fitnesscenter. Deswegen wird sie sich eines Tages dort verstecken, weil die Gangster der Yakuza-Mafia sie dort nicht vermuten. Warum sie ihr auf den Fersen sind, was die Rosen-Tätowierung auf ihrem Arm damit zu tun hat – demnächst mehr.

Kaffeepause. Der Hof im Schatten von Kastanien summt von Geschichten. TV-Journalistin Judith schreibt über ein Mädchen in einem Schloss, Autor Mathias erfindet eine Party mit forscher Frau und zaghaftem Mann. Ein paar Straßenzüge weiter, im Bundestag, stellt der Bundeskanzler unterdessen die Vertrauensfrage. Im Politkrimi hat er offenbar Scriptkarte 7 gezogen: „Ein Zwischenfall wirft den Helden aus der Bahn. Was er sich vorgenommen hat, gerät in Gefahr.“

In den folgenden Stunden bringt uns Kirchner die wirkungsvollsten Prinzipien bei, die Drehbuchlehrer heute zu bieten haben. Ton läuft, und Action --, Robert McKee: In einer guten Geschichte steigern die Figuren ihr menschliches Potenzial wie Humphrey Bogart als Rick in „Casablanca“, der als Zyniker sein Herz wiederentdeckt. Schnitt, Nahaufnahme Paul Lucey: Der Protagonist muss gezwungen werden zu handeln und bekommt dabei immer weniger Möglichkeiten „so wie Kanzler Schröder“, sagt Kirchner.

Schwenk über die Tische im Seminarraum, Einblendung: „Letzter Tag“. Heute sind alle irgendwie besonders angezogen. Nanny trägt ein schwarzes Top mit Spitzen, Petra ein rotes Kleid, auf Vincents T-Shirt steht „Geist ist geil“. Geschichten erfinden macht schön. „Wenn Sie ihr Drehbuch schreiben“, sagt Scriptlehrer Wolfgang Kirchner am Schluss, „dann leben Sie mit ihren Figuren.“

Wir gehen aus der Tür des Brecht-Hauses, auf der Straße rauscht der Verkehr. Ein alter Ford Granada fährt vorbei, die Chaussee-straße hinunter. Carlos sitzt am Steuer. Er tastet mit einer Hand nach dem Dokument unter der Sonnenblende und schaut in den Rückspiegel. Die japanische Witwe sitzt auf der Rückbank. Sie legt eine Hand auf seine Schulter.

Ein Auto mit zwei Männern folgt ihnen seit dem Brecht-Haus. Auf einer Hauswand an der Friedrichstraße steht „Legalize Paranoia“. Carlos nickt und gibt Gas. Sie werden es schaffen. Jeder ist seines Glückes Drehbuchautor.

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