Wim Wenders über Männer, Amerika, konfliktbereite Frauen und deutsches Pflichtbewusstsein
Anachronistischer Mythos

Am 14. August feierte Wim Wenders seinen 60. Geburtstag. Und wie hätte er sich selbst besser beschenken können als mit diesem Film? In „Don’t Come Knocking“ beschwört der Regisseur („Der Himmel über Berlin“, „Paris, Texas“) noch einmal den Mythos Amerika. Fast jede Einstellung erinnert an Gemälde von Edward Hopper. Die Titelfigur ist ein alternder Westernheld auf der Suche nach sich selbst.

Weekend Journal: In „Don’t Come Knocking“ fällt der schöne Satz: „Das Kino ist mir lieber als die Wirklichkeit.“ Inwieweit trifft das auf Sie zu?

Wim Wenders: Im Film sagt das eine sehr junge Frau, die von Sarah Polley gespielt wird. Ich glaube, dass es für die heutige Generation ein wichtigerer Satz ist als noch für meine Generation. Für viele junge Leute ist das Kino zum Maßstab geworden. Sie lassen ihr Leben davon bestimmen, während ich noch sehr der Idee verhaftet bin, das Kino sollte vom Leben bestimmt werden. Insofern unterschreibe ich diesen Satz nicht selber.

Dennoch hat man den Eindruck, Sie zelebrieren im Film einen Freiheitsgedanken, wie man ihn sonst nur aus alten Westernfilmen kennt.

Ich nehme diesen anachronistischen Mythos im Film ziemlich auseinander, führe ihn spielerisch vor, und am Ende ist er bedeutungslos. Denn Howard Spence – die Hauptfigur des Films, die nie Verantwortung übernommen hat – ist nicht der Held, für den er sich gehalten hat. Trotzdem glaube ich, dass sowohl die Amerikaner als auch wir Europäer sehr von diesem Mythos geprägt wurden. Man denke nur an die erfolgreichste Werbekampagne aller Zeiten für eine ganz bestimmte Zigarettensorte, die nur mit diesen Bildern spielt und nicht mal mehr Texte braucht.

Empfinden Sie das nicht als falsches Männerbild, dem auch Sie manchmal verfallen sind?

Ja, das steckt in uns Männern drin. Ich will mich davon gar nicht ausnehmen, dass ich Konfliktsituationen scheue. Wie die meisten Männer bin ich dafür, Probleme auszusitzen und nicht unbedingt darüber zu reden. Vielleicht ergibt sich alles von selbst. Frauen hingegen sind nicht nur konfliktbereit, sondern teilweise sogar richtig konflikthaltig. Wenn etwas in der Luft liegt, muss es raus. Während der Mann erst mal eine Zigarette raucht und die Konfrontation auf den nächsten Tag verschiebt.

Sam Shepard spielt in „Don’t Come Knocking“ die Hauptrolle und schrieb zudem das Drehbuch. Hat die Geschichte autobiografische Züge?

Ich will nicht behaupten, dass Sam wie im Film Kinder in die Welt gesetzt haben könnte, von denen er nichts weiß. Doch er gibt ungezwungen zu, dass er in seiner Jugend durchaus ein Howard Spence war. Ich kenne Sam seit über zwanzig Jahren, von ihm stammte bereits das Drehbuch zu „Paris, Texas“. Er ist einerseits dieser zähe Cowboy, andererseits ein empfindsamer Theaterautor. Was uns verbindet, ist gegenseitiges Vertrauen und unsere gemeinsame Liebe für den amerikanischen Westen mit seinen eindrucksvollen Landschaften.

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