Wirtschaftsbuchpreis 2009
Hans-Werner Sinn: Kasino-Kapitalismus

Bücher zur Bankenkrise gibt es viele. Einige von ihnen wirken schon wieder veraltet, obwohl sie erst wenige Wochen vorliegen. Weil sie zu unreflektiert und atemlos den jeweils jüngsten Eruptionen der Krise folgen, verlieren sie schnell an Wert. Anders verhält es sich mit Hans-Werner Sinns „Kasino-Kapitalismus“. Ein Buch, das auch noch in ein paar Jahren lohnende Lektüre sein wird.
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BERLIN. Sicher, auch Sinn befasst sich ausführlich mit ganz akuten Fragen wie Reaktionsmöglichkeiten für angeschlagene Banken, die den Leser schon in ein paar Monaten nicht mehr so stark interessieren werden. Aber er legt das Schwergewicht auf die minutiöse Analyse, wie diese irrwitzige Krise entstehen konnte. Dabei bezieht er alle Faktoren ein: das Versagen des Marktes, der Marktakteure und der Politik. Dieser umfassende Blick macht das Buch so wertvoll. Denn je länger die Krise andauert, umso häufiger stößt man auf Legendenbildungen und Beschönigungsversuche.

Dabei hilft Sinns detailliert recherchierte, mit vielen Statistiken untermauerte Analyse. Er kritisiert den „Laschheitswettbewerb“, mit dem die Staaten die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre begünstigt haben, und mokiert sich über das „Glücksrittertum“, dem die Banken frönten. Weil er das auf den eigentlichen Kern, nämlich falsche Anreizstrukturen und vor allem ungenügende Eigenkapitalanforderungen zurückführt, entlarvt seine Darstellung en passant auch die Rechtfertigungsversuche hiesiger Banken nach dem Motto, alles Unglück sei aus den USA gekommen und die gewieften Amerikaner hätten uns betrogen. Dabei pflegt er einen unterkühlt-ironischen Ton, lässt Fakten gegen die Laschen wie auch gegen die Glücksritter sprechen.

Sinns Kritik trifft umso härter, weil er durch und durch Marktwirtschaftler ist. Zu Beginn der Krise orakelte mancher, das Ende des Kapitalismus sei gekommen, zumindest müsse die Gesellschaft eine tiefe Selbstreinigung über sich ergehen lassen. Sinn schlägt keinen moralisierenden Ton an, verfällt nicht auf simple Giermotive. Er kritisiert die ganz legalen Möglichkeiten der Banken, ein viel zu großes Rad zu drehen. Die ungenügende Eigenkapitalausstattung ist für ihn die Kernursache der Krise, und er legt dar, dass fatalerweise mit den Bewertungsregeln von Basel II in jahrelanger Feinarbeit ein System entstand, das den Hebel der Banken noch vergrößerte: weil „Risikogewichtung“ oft bedeutete, Gefahren zu verharmlosen. Leider ist genau an diesen beiden Punkten bislang wenig geschehen.

Hart geht er auch mit der Verbriefungspraxis ins Gericht, die Risiken weiter verschleiert und über die ganze Welt verteilt habe. In diesem Zusammenhang rechnet er auch mit den Ratingagenturen ab und mit dem Staat, der seine Aufsichtskompetenz teilweise an sie abgetreten hat.

Sinn gibt dem Leser quasi einen Leitfaden an die Hand: Was genau muss geschehen, damit sich eine solche Krise nicht wiederholt? Seine lebhafte Sprache, bei dieser abstrakten und komplizierten Thematik nicht selbstverständlich, ist ein weiterer großer Vorzug des Buches. Was fehlt, ist lediglich eine Bewertung dessen, was an Re-Regulierung international und europäisch schon absehbar ist.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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