Wirtschaftsbuchpreis
Wenn der Markt versagt

Reinhard Marx plädiert leidenschaftlich für die Rückbesinnung auf die soziale Marktwirtschaft. Interessant: Er kontrastiert seine Thesen mit den sozialistischen Pamphleten seines Namensvetters. Das liest sich wie eine Predigt, der man gern und aufmerksam zuhört
  • 0

DÜSSELDORF. Woran erkennt man, dass der Aktienmarkt aus dem Ruder läuft? Massenblätter wie die "Bild"-Zeitung geben auf der Titelseite Kaufempfehlungen. Woran erkennt man, dass die Marktwirtschaft aus den Fugen gerät? In den Zeitungen tauchen Ranglisten über Fondsmanager auf, die mehr als eine Milliarde Dollar verdienen, im Jahr wohlgemerkt - etwa das Zwanzigtausendfache eines Facharbeiters.

Eine solche Liste über die Extremverdiener meist der Hedge-Fondsbranche erscheint im Handelsblatt im Frühjahr 2008. Etwa zu der Zeit arbeitet auch Reinhard Marx, Jahrgang 1953, seit Februar 2008 Erzbischof von München und Freising, an seinem Buch "Das Kapital. Ein Plädoyer für den Menschen" (Pattloch-Verlag). Und genau an solchen Ausprägungen einer entfesselten Marktwirtschaft nimmt Marx Anstoß, darüber schreibt er sich in Rage.

Er findet es schlicht unanständig, "wenn ein Manager das bis zu Tausendfache eines Arbeiters verdient". Vergütungssysteme, in denen die - oft jungen - Akteure ohne Rücksicht auf Risiken und Verluste in einem einzigen Jahr sprichwörtlich für die Ewigkeit aussorgen können, führten schließlich zum Kern der gegenwärtigen Finanzkrise. Und so reiht Marx anschaulich auf, was in den letzten Jahren im westlichen Wirtschaftssystem aus dem Ruder gelaufen ist, bis zur unglaublich teuren Rettung des Finanzsystems durch das Geld der Steuerzahler. Dabei kontrastiert er seine Kritik mit der Kritik seines berüchtigten Namensvetters Karl Marx (1818 - 1883) am ungezügelten Kapitalismus des 19. Jahrhunderts.

Bedrückende Parallelen: dominierende Kapitalinteressen, schwindende Wertschätzung der Arbeit, wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Der Münchener Erzbischof prangert eine Verabsolutierung des Kapitals an. Aber hier hören spätestens die Parallelen auf. Denn der ehemalige Bischof von Trier und Professor für christliche Gesellschaftslehre will das System nicht überwinden, sondern erneuern. Er übt nach eigenen Worten keine primitive Kapitalismuskritik. Aber ihn treibt die Sorge um, dass sich die Marktwirtschaft wieder zu einem primitiven Kapitalismus entwickelt - und "Karl Marx als Wiedergänger der Geschichte" auftaucht.

Reinhard Marx plädiert leidenschaftlich für die Rückbesinnung auf die soziale Marktwirtschaft, die Freiheit und Gerechtigkeit prägen. Der Mensch als Gemeinschaftswesen soll für sich selbst sorgen können. Nur wenn er dazu nicht in der Lage ist, kann er auf die Solidarität ebenjener Gemeinschaft zählen: die Grundzüge der katholischen Soziallehre. Sie hat ihre Wurzeln ebenso im 19. Jahrhundert und von ihrer Relevanz nichts eingebüßt, auch wenn deren Anhänger bisweilen als "Herz-Jesu-Marxisten" belächelt worden sind. Der Seelsorger Marx macht sich stark für eine "wehrhafte soziale Marktwirtschaft" mit klaren Regeln, die international gelten müssen. Er plädiert für den Vorrang der Arbeit vor dem Kapital und er fordert moralische Manager und integre Politiker.

Das Buch des Erzbischofs liest sich wie eine Predigt, der man gern und aufmerksam zuhört - als Stimme der Kirche, die sich Gehör verschafft und die Orientierung bietet.

Kommentare zu " Wirtschaftsbuchpreis: Wenn der Markt versagt"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%