Die Shortlist
Doch keine Anleitung zur Revolte

David Graeber beschreibt in seinem Buch eindrucksvoll den Kreislauf von Geld und Schulden. Er findet, dass man manchmal Schulden auch nicht zurückzahlen sollte.
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Düsseldorf.Es war alles ganz anders, als die Ökonomen uns weismachen wollen: Mit dieser Kritik an Adam Smith und seinen Nachfolgern steigt der Anthropologe und Occupy-Wall-Street-Aktivist David Graeber ein. Für die klassischen Lehrbuch-Ökonomen gilt: Am Anfang war der Tauschhandel. Dann kam das Geld, um den Handel zu erleichtern. Danach wurde der Kredit erfunden, um längerfristige Geschäfte zu finanzieren.

Alles falsch, sagt Graeber. In Wirklichkeit gab es Schulden schon lange vor der Erfindung des Geldes und der Entwicklung des Tauschhandels. Gerade deswegen, weil man Leistungen nicht einfach bezahlen konnte, entstand in archaischen Gesellschaften ein sehr kompliziertes und faszinierendes Geflecht von gegenseitigen Verpflichtungen. Diesen Verpflichtungen lagen keinesfalls immer rationale Vorstellungen über Tauschwerte zugrunde, man muss sie sie sich eher wie die Beziehungen innerhalb einer Familie vorstellen. Häufig wurden diese Verpflichtungen in Naturalien bemessen - bei den Römern kam das Wort für Geld (pecunia) von dem für Vieh (pecus). Das heißt aber nicht, sagt Graeber, dass die Römer immer tatsächlich mit Rindviechern bezahlt hätten. Die waren vor allem eine Rechengröße, um gegenseitige Verpflichtungen abgleichen zu können. Geld entstand aus Kredit, nicht umgekehrt.

Münzen wurden zunächst gar nicht zu kommerziellen Zwecken eingesetzt, sondern zur Bezahlung von Soldaten. Denn die wurden ja aus ihren gewachsenen Beziehungen herausgerissen, sie mussten daher, um sich zu ernähren, mit Münzen bezahlen. Zugleich erfanden die Herrscher Steuern oder andere Abgaben, um diese Münzen wieder in die Hand zu bekommen und Kriege damit finanzieren zu können. Als Beispiel nennt der Anthropologe Alexander den Großen. Dessen Heer verschlang eine Unsumme an Geld, daher schickte Alexander die Einwohner eroberter Städte in die Minen des persischen Großreichs, das er erobert hatte, und kurbelte die Produktion von Metall und Münzen an. Graeber, bekennender Anarchist, macht daher deutlich: Die angeblich unterentwickelten Zeiten wie das frühe Mittelalter, in denen Geld kaum eine Rolle spielte, waren die glücklichen, friedlichen Zeiten.

Auf über 500 Seiten begründet Graeber minutiös in "Schulden. Die ersten 5000 Jahre" seine Thesen. Wer sich für Wirtschaftsgeschichte interessiert, beginnend mit dem alten Orient und dem Ägypten der Pyramidenzeit, und gängige ökonomische Thesen historisch hinterfragen möchte, kommt hier voll auf seine Kosten. Aber Graeber verfolgt mit dem Buch auch eine politische Agenda: Geld gehört für ihn seit Jahrtausenden zusammen mit Macht und Unterdrückung.

Seite 1:

Doch keine Anleitung zur Revolte

Seite 2:

Schulden nur gesellschaftliche Verpflichtungen

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