Die Shortlist
Harte Zeiten für die Euro-Vision

Henrik Müller liefert in seinem Buch „Euro-Vision“ eine fundierte Analyse der Euro-Krise und fordert einen „New Deal“. Das bringt ihm einen Platz auf der Shortlist des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises ein.
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DüsseldorfDie Krise des Euros ist nicht vorüber, sie hat gerade erst begonnen. Das Gefährliche daran: Vielen Menschen in Deutschland ist das gar nicht bewusst. Sie haben nicht die leiseste Ahnung von dem, was uns bevorstehen könnte. Henrik Müller entwirft in seinem Buch ein düsteres Bild vom Zustand Europas. Die Krise der Finanzkonzerne sei zu einer Schuldenkrise der Staaten geworden, die - in letzter Konsequenz - gar die Demokratie bedrohe.

Das Tückische an der Krise: Ihre Wurzeln liegen viel tiefer als gemeinhin vermutet. Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, also der Höhepunkt der Finanzkrise vor vier Jahren, war nur der Brandbeschleuniger, nicht aber die Ursache. Bereits in den 1980er-Jahren hätten die westlichen Industriestaaten damit begonnen, sich hemmungslos zu verschulden, ohne dass die Regierungen die Konsequenzen ihres Tuns für folgende Generationen bedacht hätten. „Wir haben's versaut, in ganz großem Stil“, schreibt der Wirtschaftsjournalist.

Die Folgen sind schlussendlich noch gar nicht abzusehen. Eines jedenfalls stehe fest, meint Müller: Auf den Westen kommen harte Zeiten zu. Die Konstellation sei extrem, entsprechend groß das zerstörerische Potenzial. Der Autor vergleicht die Lage mit den frühen 1920er-Jahren, die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als die Schuldenlast viele Staaten zu erdrücken drohte und Hyperinflation und Chaos nach Europa brachte.

Der Befund der Krise, dazu der historische Vergleich – das alles ist nicht neu. Und doch unterscheidet sich das Buch wohltuend von der gemeinen Krisenprosa. Der Autor will sich nicht damit abfinden, dass die Krise des Euros in letzter Konsequenz zu einem Scheitern der Währungsunion führt. Er versucht sich zumindest an einem Alternativszenario. Was muss geschehen, damit die Euro-Zone zu dem werden kann, was die Gründerväter sich einst von ihr verhießen: einem Staatenverbund, der nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch zusammenwächst. Mit einer stabilen Währung und einer gemeinsamen Stimme. Der den Frieden in der Welt fördert.

Europa, da ist sich Müller sicher, kann die Krise nur überstehen, wenn eine Art „New Deal“ für den alten Kontinent entwickelt wird, der weit über das hinausgeht, was bislang war. Die Fundamente der Euro-Zone, sie müssten neu gegossen werden. Ein verschärfter Stabilitätspakt, ein Fiskalpakt als fester Bestandteil der europäischen Verträge, nicht zuletzt ein „Euro-plus-Pakt“ für Strukturreformen und mehr Wachstum.

Müllers „Euro-Vision“ überzeugt durch fundierte Analyse, klare Thesen und einen leicht verständlichen, wohltuenden Erzählstil. Kurzum: Der Autor trifft den richtigen Ton.

Henrik Müller:
Euro-Vision. Warum ein Scheitern unserer Währung in die Katastrophe führt
Campus, Frankfurt 2012, 224 Seiten, 19,99 Euro

Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen

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