Einführungsrede zum Wirtschaftsbuchpreis
Von Wirtschaftszyklen und Untergangsszenarien

Der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup stimmte die Gäste bei der festlichen Soiree anlässlich der Verleihung des Wirtschaftsbuchpreises mit unterhaltsamen wie nachdenklichen Worten ein. Die Kurzfassung seiner Rede.

„Jeder, der einmal eine Einführung in die Volkswirtschaftslehre gehört hat, weiß, dass Konjunkturen Schwankungen in der gesamtwirtschaftlichen Produktion sind oder, wissenschaftlich korrekt, aber dafür unverständlich und sperrig, Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotenzials.

Und natürlich haben Sie auch gehört, dass diese Schwankungen wellenförmige Muster haben. So sind Wellen mit der Länge von drei bis fünf Jahren, die sogenannten Kitchin-Zyklen, und Wellen mit einer Dauer von sechs bis zehn Jahren, die Juglar-Zyklen, empirisch belegt.

Wenn Sie nicht nur einen guten, sondern auch einen ehrlichen Professor hatten, haben Sie auch gelernt, dass die angeblich durch technologische Schübe ausgelösten 40 bis 50 Jahre dauernden Kondratjew-Wellen bislang von niemandem statistisch nachgewiesen werden konnten, obwohl gerade diese Wellen bei Sachbuchautoren ungemein beliebt sind.

Und möglicherweise haben Sie dann auch noch erfahren, dass es zwar mehr als 600 Konjunkturtheorien geben soll, aber man bislang dennoch nur weiß, dass die Wirtschaft irgendwie zyklisch schwankt, aber nicht warum, und dass es auch kein theoriegestütztes Konjunkturmodell gibt, welches Wendepunkte halbwegs sicher vorauszusagen vermag. (...)

In den USA gibt es Publikationsorgane wie „Global Good News“, „Good News Daily“, „Positive News“, die nur über Erfreuliches informieren, selbst wenn - wie in diesen Zeiten - diese Nation vor den Trümmern ihres Geschäftsmodells steht. (...) So etwas wäre bei uns nicht möglich. Dazu ist die Neigung vieler Deutschen, die Zukunft am liebsten schwarz zu sehen, zu groß. German Angst ist deswegen zu einem Lehnwort im Englischen geworden.

Neben sich in den Headlines der Tages- und Wochenpresse niederschlagenden „Kitchin-Zyklen“ eines im doppelten Wortsinn „wirtschaftlichen“ Pessimismus gibt es aber doch so etwas wie Juglar-Zyklen bei Wirtschaftsbüchern. Sieht man einmal von den Konz'schen Steuertipps und Steuertricks und anderen Longsellern der Ratgeberliteratur ab, die keine Konjunktur kennen, sind Wirtschaftsbücher oft besonders erfolgreich, wenn sie unseren skeptisch in die Zukunft blickenden Zeitgenossen in den Zeiten Referenz erweisen, in denen die Realwirtschaft vor wirklichen und nicht nur vor möglichen Problemen steht.

Diese Gattung an Wirtschaftsbüchern lebte und lebt von der Übertreibung. Je steiler die These und je fantasievoller die Argumentation, desto begieriger die Leserschaft und desto höher die Auflage.

Allerdings, dank der Bankenkrise von 2009, die zu einer Staatsschuldenkrise mutierte und in einer neuerlichen Bankenkrise zurückkommt, bieten sich wieder Chancen für erfolgreiche Untergangsszenarien oder Blaupausen für Radikaltherapien.“

Bert Rürup ist Gründer der MaschmeyerRürup AG und war „Wirtschaftsweiser“.

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