„Flash Boys“-Autor Michael Lewis
„Keiner weiß, was dort vor sich geht“

Bestsellerautor Michael Lewis hat für sein Werk „Flash Boys“ den Wirtschaftsbuchpreis 2014 erhalten. Im Interview spricht er über die Gefahren des Hochfrequenzhandels und ahnungslose Großinvestoren.
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Keine Spur von Jetlag. Michael Lewis ist voller Temperament im Gespräch über sein Buch. Er ist aus Berkeley zur Preisverleihung nach Frankfurt angereist. Alle Fragen beantwortet er ausführlich. Er verrät nur nicht, woran er jetzt gerade arbeitet – denn die meisten seiner Veröffentlichungen bergen jede Menge Sprengstoff. Als das Buch über die Verwerfungen im Hochfrequenzhandel im März in den USA und zeitgleich in Deutschland bei Campus erschien, löste es einen solchen Wirbel aus, dass das FBI und die Börsenaufsicht SEC Ermittlungen aufnahmen.

Herr Lewis, wenn man Ihr Buch über den Hochfrequenzhandel liest, reibt man sich die Augen. Man stößt auf die unglaubliche Unwissenheit der Menschen, die an der Wall Street große Verantwortung für große Geldmengen haben. Die meisten, egal ob Händler oder Techniker, kannten offensichtlich nur ihren Job und verstanden nicht das große Ganze.
Ja, das stimmt, das ist eine Metapher für unsere moderne Existenz. Es ist unglaublich, wie viele Menschen in der Wirtschaft in komplexen Systemen agieren und die nicht verstehen. Mein Protagonist Brad Katsuyama brauchte drei bis vier Jahre Zeit und die Hilfe von Dutzenden Experten, bis er durchblickte. Wenn er in die Büros der Investoren ging, zu Leuten, die mit Milliarden von Dollar jonglieren, merkte er, dass sie gar nicht wussten, worum es eigentlich ging. Er musste ihnen erst die Basiszusammenhänge über die automatisierten Märkte erklären. Die Märkte haben sich sehr verändert in den vergangenen Jahren. Sie sind total computerisiert worden, sie sind aber auch für die Investoren eine Black Box. Keiner weiß, was dort im Inneren vor sich geht.

Aber das ist vielleicht so gewollt.
Stimmt schon. Genau die Personen, die die Märkte einem großen Publikum hätten erklären können, hatten ein großes Interesse daran, das nicht zu tun. Ich habe noch nie so eine Geheimniskrämerei erlebt wie im Hochfrequenzhandel. Den Leuten dort ist es überhaupt nicht peinlich, die Investoren zu skalpieren. An der Story interessierte mich nicht so sehr das kriminelle System an der Börse als vielmehr dieser Mensch, der alles darüber wissen will, aber nicht, um damit Geld zu machen, sondern um die Fehler zu beheben. Das ist eine moralische Lektion. Das sollte andere anspornen.

Aber was hat sich denn an der Wall Street tatsächlich verändert? Früher gab es Broker, die große Gewinne erzielten, und heute Hochfrequenzhändler, die mit kleineren Margen arbeiten, aber die Märkte manipulieren und so auf ihre Gewinne kommen.
Natürlich kann man sagen, damals haben die viel mehr gestohlen! Das stimmt, aber jetzt haben wir eine neue Technologie, die die Geldmenge reduziert, die die Wall Street aus den Märkten herauszieht. Ich stimme zu, dass die Höhe der Beträge nicht das große Thema ist. Sondern es ist die Tatsache, dass manipuliert wird. Und diese Komplexität, auf die die Equity-Abteilung von Goldman Sachs gestoßen ist, ist eine Quelle für eine unglaubliche Instabilität. So etwas wie ein Flash Crash musste ja kommen. Dabei müsste das überhaupt nicht sein, wenn es nicht diesen Raubfisch mitten im Handelsgeschäft gäbe, der das Geschäft so kompliziert „designt“, dass es keiner versteht. Aber es geht mir um mehr.

Worum geht es Ihnen denn?
Es gibt den Markt im Zentrum des Kapitalismus, und der ist wirklich unfair. Er gibt den Reichen einen Vorteil, das ist völlig unnötig. Das ist ein Horrorprinzip. Die Märkte sollten immer versuchen, so fair wie möglich zu handeln, und die Technologie hat das meiner Meinung möglich gemacht. Das beizubehalten ist ein sehr nobles Ziel …

… wenn da nicht die kriminellen Elemente wären. Ihr Buch kam im März heraus, begleitet von Ermittlungen des FBI und der Börsenaufsicht SEC. Hat sich seitdem etwas geändert?
Dinge ändern sich nicht schnell. Die Ermittlungen laufen weiter. Der New Yorker Staatsanwalt untersucht die Vorgänge im Dark Pool der Barclays Bank. Aber abgesehen von den Ermittlungen ist in puncto Regulierungen nichts getan worden. Doch auf dem Markt ist Bewegung. Im Verlauf des nächsten Jahres wird sehr viel Kapital in die neuen, öffentlichen Börsen fließen, viele Unternehmen wollen sich dort listen. Ich glaube, der Markt räumt sich selbst auf. Das startet gerade, darüber bin ich sehr froh.

Kommentare zu " „Flash Boys“-Autor Michael Lewis : „Keiner weiß, was dort vor sich geht“"

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  • Ärgerliches Adventorial für ein langatmiges Buch. Einfach mal nach "Reuters HFT Debate With Haim Bodek and Manoj Narang" suchen. Das reicht dann auch schon...

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