Rezension Alvin Roth
Verkuppeln kann Leben retten

Ob beim Dating, der Vergabe von Ausbildungsplätzen oder bei der Organspende: Nobelpreisträger Alvin Roth beschreibt unterhaltsam und lehrreich, wie Spieltheoretiker Märkte und damit unsere Welt verbessern können.
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DüsseldorfMussten Sie für Ihre Kinder einmal einen Platz an einer begehrten Schule ergattern oder haben es bei Freunden beobachtet? Dann wissen Sie, dass die Zuteilung ganz schön kompliziert sein kann. Oft sollen die Eltern Prioritäten angeben. Und fragen sich: Setze ich die meiner Ansicht nach beste Schule auf Platz eins, wenn meine Chancen, dort einen Platz zu bekommen, wegen der hohen Nachfrage eher gering sind? Erhöhe ich meine Chancen, wenn ich gleich die zweitbeste Schule auf Platz eins setze, weil ich dort bessere Chancen habe?

Solche Probleme liebt Alvin Roth. Sie ergeben sich auf Märkten, auf denen nicht der Preis die Zuteilung von Gütern regelt, sondern die Aktionen der anderen unsere eigenen beeinflussen und ein sogenanntes Matching erfolgen muss. Je nachdem, wie dieses Zuteilungsverfahren für Schulplätze organisiert ist, kann es vielen Eltern den gewünschten Platz für ihre Kinder bringen – oder eben nicht. „Viele Marktplätze funktionieren nicht gut, weil sie schlecht gestaltet sind“, schreibt Roth, Spieltheoretiker in Stanford. Er designt solche Märkte so, dass sie den Beteiligten in Summe die besten Ergebnisse bringen. Dafür hat er 2012 zusammen mit Lloyd Shapley den Wirtschaftsnobelpreis erhalten.

Es ist faszinierend, wie praxisnah Marktdesign mittlerweile ist. So haben Roth und seine Kollegen die Städte New York und Boston beraten, wie sie ihre Systeme zur Vergabe von öffentlichen Schulplätzen besser gestalten können. Ohne mathematische Formeln und mit konkreten Beispielen beschreibt Roth, wie sie der Stadt Boston durch ein spieltheoretisches Experiment zeigten, dass Familien aus dem Sicherheitsbestreben, eine einigermaßen gute Schule zu bekommen, oft nicht ihre wahren Prioritäten angaben. Und sie zeigten, dass das bisherige System einige Eltern bevorzugte.

Alvin E. Roth – Wer kriegt was und warum? Bildung, Jobs und Partnerwahl: Wie Märkte funktionieren.
Siedler Verlag
München 2016
304 Seiten
ISBN: 3827500443
24,99 Euro

Heute vergeben New York und Boston die Schulplätze über eine computergestützte Clearingstelle, die über einen von Roth & Co. entwickelten Algorithmus die Präferenzen von Eltern und Schulen so zusammenführt, dass niemand seine Chancen verschlechtert, indem er seine wahren Präferenzen nennt.

„Marktdesign eröffnet dem uralten Metier des Kupplers ein neues Betätigungsfeld“, schreibt Roth. Da liegt das Internetdating als Praxisfeld nah. Wann antworte ich wem am besten, um meine Chancen zu erhöhen, den besten Partner zu finden? Doch gerade auch im Arbeitsleben können die Kuppler helfen. Wann soll man Jura- oder Medizinstudenten eine Stelle anbieten? Ohne feste Fristen oder Clearingstellen stellen US-Gerichte und Krankenhäuser Referendare und Assistenzärzte weit vor dem Abschluss ein, aus Angst, sonst nur noch die schlechten abzubekommen. Wenn sich aber sowohl Studienanfänger als auch Krankenhäuser so früh festlegen müssen, ist am Ende vielleicht keine Seite glücklich über die Entscheidung.

Marktdesign kann Leben retten

Die Festlegung eines Krankenhauses, auf jeden Fall später einzustellen, so Roth, helfe in solchen Fällen nie. Ein fester Matching-Algorithmus muss her. So lernt der Leser die Welt der amerikanischen Gastroenterologen kennen und die der orthopädischen Chirurgen, deren Einstellungssysteme Roth mitdesignt hat. Und er schmunzelt, wenn der Autor beschreibt, weshalb das Marktdesign für die einen bei den anderen nicht funktionierte, weil Usancen und Animositäten in jedem Fachbereich unterschiedlich sind.

Marktdesign kann Leben retten. Roth hat maßgeblich daran mitgewirkt, in den USA ein Nierentausch-System zu entwickeln. Jemand wartet auf eine Spenderniere. Die der eigenen Verwandten, die spenden würden, ist aber nicht kompatibel. Einem anderen Patienten geht es genauso. Über Kreuz getauscht wären die Spendernieren kompatibel. Im Jahr 2000 fand in den USA zum ersten Mal eine Nierentransplantation über einen solchen Überkreuztausch statt.

Noch mehr Nierentransplantationen sind möglich, wenn nicht nur über Kreuz gespendet wird, sondern sich ein Nierentauschring bildet. Die Transplantationen finden dann zeitversetzt über Monate hinweg statt. Wie verhindert man, dass niemand ein solches System ausnutzt und jeder ihm vertraut und all seine Informationen preisgibt? Jeder „match“ rettet bei dem Design dieses Markts Leben. Roth berichtet von einer Tauschkette, die 16 Transplantationen ermöglichte. 2010 startete in den USA ein Pilotprogramm für eine Clearingstelle zum Nierentausch, der in Deutschland so gesetzlich nicht möglich wäre. Der Nierentausch hat sich zum Leidenschaftsthema von Alvin Roth entwickelt.

Für seine Marktdesignkollegen sieht er in Zukunft ein weiteres Betätigungsfeld in der Frage, wie Flüchtlinge bestmöglich auf asylgebende Staaten verteilt werden können, sagt er. Doch der Kuppler Roth selbst will vor allem an Marktdesigns für den Nierentausch weltweit arbeiten. Mitreißender und relevanter kann Wirtschaftswissenschaft nicht sein.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland

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