Rezension Mark Schneider
Unfall mit Ansage

Der größte deutsche Autokonzern steckt in einer tiefen Krise. Ein Kulturwandel ist notwendig. Doch ein intimer Volkswagen-Kenner sieht weit mehr Probleme als nur Abgasmanipulationen.

WolfsburgDas Jahr 2015 war ein annus horribilis für Volkswagen. Erst musste der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piech im Frühjahr sein Mandat abgeben, nachdem er einen Machtkampf mit seinem Zögling und Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn verloren hatte. Dieser wiederum trat nach Bekanntwerden des „Dieselgates“, dessen Folgen noch nicht absehbar sind, Ende September 2015 von seinem Posten zurück. VW steht vor einem Totalschaden.

Mark C. Schneider, Wirtschaftsjournalist und intimer Kenner der Automobilindustrie, spürt in seiner Volkswagen-Geschichte der Frage nach, inwieweit dieses Desaster in der Unternehmens- und Führungskultur des einstigen deutschen Vorzeigeunternehmens angelegt war. Immerhin habe Volkswagen aufgrund seiner Größe Systemrelevanz für die gesamte deutsche Automobilindustrie.

Die kurzweilige Erzählung ist keine erschöpfende Geschichte Volkswagens seit dem Zweiten Weltkrieg. Die ersten 55 Jahre nach der Werksgründung durch Adolf Hitler hakt Schneider im Schnelldurchgang ab. Er erkennt aber schon seit dem legendären Chef Heinrich Nordhoff, der seit 1948 für zwanzig Jahre an der VW-Spitze stand, eine Vorliebe für starre Hierarchien und starke Männer – Frauen spielten bei VW im operativen Geschäft nie eine Rolle.

Der Schwerpunkt seines Buchs liegt auf der Ära Piech Winterkorn seit 1993, in der diese fatale Tendenz zu autoritären Strukturen kulminierte. Damals stieg Ferdinand Piech, Enkel des legendären Käfer-Erfinders Ferdinand Porsche, an die Spitze des Wolfsburger Konzerns auf. Der technikbesessene Piech sollte für mehr als zwanzig Jahre die dominierende Figur im VW-Reich bleiben, auch weil er nach seiner Zeit als Vorstandschef in den Aufsichtsrat wechselte. Inzwischen fast 80 Jahre alt, prägt er noch immer die Kultur von VW. Bernd Pischetsrieder, sein Nachfolger als Vorstandsvorsitzender, versuchte zwar während seiner Amtszeit von 2002 bis 2006, die Unternehmenskultur zu modernisieren und Kosten zu senken. Dabei machte er sich aber die im Werk starke Gewerkschaft IG Metall zum Gegner – und seinen Vorgänger Piech. Ende 2006 musste er gehen, Winterkorn folgte.

Der Perfektionist Winterkorn wurde wegen cholerischer Ausfälle bei echten oder vermeintlichen Fehlern ebenso gefürchtet wie sein Aufsichtsratschef. Am Klima im Unternehmen änderte sich wenig. Technische Grenzen durfte es nicht geben, das Wort „unmöglich“ war aus dem Wortschatz der Ingenieure und Techniker gestrichen. Der Erfolg schien dem Duo Piech Winterkorn recht zu geben, die Weltmarktführerschaft schien nah – bis zum September 2015, als die US-Umweltbehörden die Wolfsburger der Manipulation von Stickoxidmessungen bei Dieselmotoren überführten.

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