Wirtschaftsbuchpreis
Gegen die Gegenwartsverliebtheit

„Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“ ist das beste Wirtschaftsbuch des Jahres. Bei der feierlichen Preisverleihung war die Zukunft das große Thema des Abends. Eine Zukunft, geprägt von künstlicher Intelligenz.
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FrankfurtWer dieses Buch liest, nimmt eine Weltbibliothek des Wissens in sich auf. Er nimmt an einem Studium generale teil, das mit einem Zertifikat in Futurologie endet.“ Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts und Juryvorsitzender des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises, machte es spannend bei der Preisverleihung am Freitagabend in Frankfurt. Dann lüftete er das Geheimnis: Sieger ist in diesem Jahr Yuval Noah Harari mit seinem im Beck-Verlag erschienenen Buch „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“. Ein Werk, das die Jury nicht überzeugt, sondern begeistert habe, sagte Steingart.

Der isarelische Historiker Harari, der schon mit seinem ersten Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ einen Weltbestseller gelandet hat, startet in „Homo Deus“ seine Überlegungen damit, dass Hunger, Krankheit und Krieg, die Plagen der Vergangenheit, beherrschbar geworden sind. Doch was passiert, wenn künstliche Intelligenz unsere eigenen kognitiven Fähigkeiten überholt, wenn Google und Facebook unsere politischen Einstellungen besser kennen als wir selbst, was wird aus dem Wohlfahrtsstaat, wenn Computer die Menschen vom Arbeitsmarkt verdrängen, und kommen aus dem Silicon Valley am Ende nicht nur neue Geräte, sondern auch neue Religionen?

Die Jury, zusammengesetzt aus Vertretern von Wirtschaft und Wissenschaft, wählte das Buch, um einen Akzent zu setzen: „Es geht um die Folgen des technisch-zivilisatorischen Umbruchs, in dem wir uns befinden. Der Autor bietet brillant geschriebene Denkanstöße und startet eine Debatte, die von uns allen fortgeführt werden muss“, heißt es in der Begründung. Dem Publikum, das aus Autoren, Verlegern, Wirtschaftsvertretern und Bücherfreunden bestand, gefiel die Wahl.
Harari lehrt Weltgeschichte an der Hebrew University in Jerusalem. Staatschefs wie der französische Präsident Emmanuel Macron und Unternehmer wie Bill Gates suchen den Dialog mit ihm. „Homo Deus“ hat sich bereits drei Millionen Mal verkauft. Doch einmal im Jahr zieht er sich für zwei Monate zum Meditieren zurück. Deshalb ist er gerade in Indien, „einfach zwei Monate ohne E-Mails, ohne Computer und ohne Telefon – und sogar ohne Bücher. Ich spreche mit niemandem und versuche, ganz im Jetzt zu leben und auf meinen Körper und meinen Geist zu hören“, so erklärte er es in einem Interview mit Handelsblatt-Herausgeber Steingart, der ihn in Tel Aviv getroffen und befragt hatte. Für das Publikum in Frankfurt war das Video aus Israel eine perfekte Möglichkeit, den Autor kennen zu lernen. Die Preisverleihung war auch im Live-Streaming zu sehen.

„In seiner abenteuerlichen Reise von der Frühzeit des Menschen bis in jene unbekannten Galaxien der Zukunft will der Autor gar nicht die Zukunft vorhersagen – Stichwort Zuversicht –, sondern er will, wie er sich ausdrückt, unsere gegenwärtige Konditionierung lockern. Eine Konditionierung, die uns Zukunft immer als Verlängerung von Gegenwart denken lässt“, sagte Steingart in der Laudatio. „Wir sollen uns trauen, auch das bisher Undenkbare zu denken. Denn wenn wir eine Chance haben wollen, den Algorithmus zu schlagen, dann müssen wir disruptiv denken. Wir müssen den Computer erst durchschauen und dann überlisten.“ Noch bis in den Abend hinein diskutierten die Gäste in Frankfurt kontrovers die Fülle von Inspirationen aus Hararis Buch.
Stellvertretend für den Autor nahm sein Verleger Jonathan Beck den mit 10.000 Euro dotierten Preis entgegen, den die drei Partner Handelsblatt, Frankfurter Buchmesse und die Investmentbank Goldman Sachs gemeinsam verleihen. Das Motto des Preises, der sich im elften Jahr unter den Buchpreisen des Landes fest etabliert hat, lautet „Wirtschaft verstehen“. Die Partner wollen mit der Auszeichnung die Bedeutung des Wirtschaftsbuchs bei der Vermittlung ökonomischer Zusammenhänge unterstreichen und einen Beitrag zur ökonomischen Bildung in der Gesellschaft liefern.

Die Zeit von Algorithmen und Suchmaschinen

Doch auch die anderen Finalisten des Buchpreises hatten zuvor ihren großen Auftritt. Alle zehn Bücher der Shortlist wurden vorgestellt, von den Autoren oder ihren Verlegern – doch jeder hatte nur zwei Minuten. Das Publikum war begeistert von diesem sogenannten schnellen und unterhaltsamen „Elevator Pitch“, denn jeder machte es anders und auf seine eigene Art, mit Temperament, mit Humor, zum Nachdenken anregend und inspirierend.
Das erste Highlight des Galaabends in Frankfurt war die Keynote-Speech von Professorin Ann-Kristin Achleitner, die auch Mitglied der Jury ist. Fulminant stimmte Achleitner das Publikum ein, mit einer Mischung aus Reflexionen über Bücher und das Lesen sowie der Rezeption von Büchern in Zeiten von Algorithmen und Suchmaschinen. Am Ende zitierte sie Voltaire und deutete damit schon diskret auf die Wahl der Jury hin: „Die nützlichsten Bücher sind die, die den Leser dazu anregen, sie zu ergänzen.“

Auch auf der Buchmesse war Hararis Buch ein großes Thema. Auf der Bühne des Börsenvereins in Halle 3 sprachen am Morgen nach der Preisverleihung die beiden Jurymitglieder Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institutes, und Wolfgang Fink, Co-Vorsitzender des Vorstands von Goldman Sachs, mit Verleger Beck über Buch und Autor. Am Beck-Stand wurde gefeiert.

Für die Mitglieder des Handelsblatt-Wirtschaftsclubs gab es eine Führung über die Buchmesse mit Stationen bei Random House, dem größten Verlag in Deutschland, und bei Diogenes.
Zu den Jurymitgliedern des Wirtschaftsbuchpreises gehört auch der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos. Die Buchmesse, mit dem diesjährigen Gastland Frankreich, sei politischer geworden und zeige, dass Kultur für Europa immer wichtiger werde, sagte Boos. Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron hatten die Buchmesse, die am Sonntag zu Ende ging, gemeinsam eröffnet.

Harari ist kein Zukunftspessimist und sein Buch auch keine Science-Fiction. Er bietet eine neue Sicht der Dinge, um auf die Themen der Zukunft zu fokussieren, diese Botschaft nahmen die Gäste der Preisverleihung mit. „Je besser wir verstehen, wie sich die neuen Technologien auf unsere Wirtschaft, Politik und Ethik auswirken, umso klügere Entscheidungen können wir über ihre Verwendung treffen“, heißt es im Votum der Jury.

Laudator Steingart drückte es noch drastischer aus: „Wir müssen uns endlich mit unserer Zukunft befassen und nicht mit dem Rechthaben, wie es im Fernsehduell zur Bundestagswahl zu besichtigen war“, stellte er klar. „Dieses Buch ist eine Gegenrede zur Gegenwartsverliebtheit, zur Nostalgie und zur Larmoyanz der Gegenwart.“

Regina Krieger
Regina Krieger
Handelsblatt / Korrespondentin

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