Wirtschaftsbuchpreis Shortlist
Wie eine kleine Elite die Strippen zieht

Wie die globale Macht des Kapitals sich heute tarnt und zugleich wirkt, zeigt Handelsblatt-Autor Hans-Jürgen Jakobs in seinem Buch „Wem gehört die Welt?“ Eine kleine Elite zieht die entscheidenden Strippen hinter den Kulissen.
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BonnKarl Marx wollte einst das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft enthüllen. Die Akkumulation von Kapital und die daraus resultierende Macht waren für ihn wichtige Triebkräfte des Kapitalismus. Wie die geballte Macht des Kapitals sich heute tarnt und zugleich global wirkt, zeigt Handelsblatt-Autor Hans-Jürgen Jakobs in dem Buch „Wem gehört die Welt?“.

Unterstützt von vielen Korrespondenten, Redakteuren und dem Handelsblatt Research Institute liefert er nicht nur ein „Who is Who“ der weltweiten Wirtschaftswelt von A wie Aldi bis Z wie Zuckerberg. Er zeigt auch, wie eine kleine Wirtschaftselite die Strippen zieht – und so das Demokratiemodell des Westens in eine Legitimationskrise stürzt.

Das Buch nimmt 200 der mächtigsten Manager und Unternehmen unter die Lupe und beleuchtet ein diskretes Netzwerk von Vermögensverwaltern, Fondsmanagern, Ölscheichs, Oligarchen und Familien, dem für Spekulationen und Investitionen gut 40 Billionen US-Dollar zur Verfügung stehen. Dieser stolze Betrag übertrifft die jährliche Wirtschaftsleistung der Europäischen Union um das Dreifache.

Die Welt gehört einem wie Larry Fink

Als „unerklärter Präsident der Weltfinanzgemeinde“ und „Oberster der Ober-Kapitalisten“ rückt dabei Larry Fink in den Vordergrund. Der Chef des Vermögensverwalters Blackrock tritt stets auffällig-unauffällig auf und bestimmt maßgeblich die Geschicke des Kapitalismus. Fink ist Herr über 4,9 Billionen Dollar, mehr als alle Deutschen zusammen in einem Jahr erwirtschaften.

2011 durchkreuzte er mit seiner Kapitalmacht den Plan des damaligen Grandseigneurs der internationalen Finanzwelt, Josef Ackermann, vom Vorstandsvorsitz an die Aufsichtsratsspitze der Deutschen Bank zu wechseln. Zu Recht bilanziert Jakobs mit Blick auf den heutigen Chef des Frankfurter Geldhauses: „Die Welt gehört einem wie Larry Fink … viel eher als einem John Cryan, dessen Deutsche Bank chronisch unterfinanziert ist und der zudem noch vom Wohlwollen von Blackrock, einem seiner größten Aktionäre, direkt abhängig ist.“

Das Buch gleicht einer Kartographie ökonomischer Macht quer durch die Branchen, von Auto über Handel, Medien und Chemie bis zu Hightech und Logistik. Tiefenscharf ausgeleuchtet wird vor allem der Finanzkapitalismus, den Jakobs „Neokapitalismus“ nennt.

Ungleichheit nährt Ungleichheit

Auf den ersten Blick wirkt es paradox, dass der Neokapitalismus von der 2007 ausgebrochenen und für ihn zunächst sogar existenzbedrohenden Weltfinanzkrise inzwischen massiv profitiert. Ein Blick auf die ultralockere Geldpolitik der Notenbanken als Folge der Krise löst das Paradoxon jedoch auf: Die Geldschwemme nährt die Kapitalbranche nur noch mehr und vergrößert die ohnehin schon unheilvolle Dominanz des Finanzmarkts über den Gütermarkt.

Gleichzeitig verschärft die übergroße Liquidität die Umverteilung von unten nach oben. So leiden in Europa Kleinsparer und Normalbürger am meisten unter der Nullzinspolitik der Zentralbank. „Ungleichheit nährt Ungleichheit“, schreibt Jakobs. „Die einen haben ein Online-Konto, die anderen einen Vermögensverwalter.“ Dieser schlecht ausbalancierte Neokapitalismus ruft bei Bürgern böses Blut hervor, es entwickeln sich sogar „Verteilungskämpfe“ zwischen Hartz-IV-Empfängern und Asylbewerbern.

Weltweit betrachtet beziehen tatsächlich nur fünf Prozent der Reichen 50 Prozent des globalen Einkommens, die ärmsten zehn Prozent müssen sich mit 0,7 Prozent begnügen. Vor allem Rechtspopulisten, so das Resümee von Jakobs, profitierten von dem in der Bevölkerung verbreiteten Gefühl, „dass ihnen die Welt nicht mehr gehört.

Daniel Drezner – The Ideas Industry. How Pessimists, Partisans, and Plutocrats Are Transforming the Marketplace of Ideas
Oxford University Press
Großbritannien 2017
360 Seiten
ISBN: 978-0190264604
24,99 Euro
Sprache: Englisch

Dass sie die Verlierer einer rasanten Entwicklung sind, die kleine Gruppen reicher macht, die alte Werte umdeutet und die bisherige Wirtschaftsordnung umstürzt.“ Viel zu viel Geld sammelt sich offenbar an viel zu wenigen Stellen. Jakobs plädiert für eine „neue Kultur der Bescheidenheit“, in der auch Larry Fink mit Renditen von drei bis vier statt acht bis zehn Prozent zufrieden wäre.

Für wahrscheinlicher hält er es aber, dass die nach wie vor kaum regulierten „Schattenbanken“ – Vermögensverwalter, Hedgefonds, Private-Equity-Gesellschaften und Geldmarktfonds – die nächste Weltfinanzkrise auslösen werden. Michael Brackmann

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