Wladimir Kaminer ist der große Zampano am Prenzlauer Berg. Er schätzt das Leben der Bohème
Interesse an Grobstaub-Debatten

Wladimir Kaminer ist ein Phänomen. Im Osten erfand er in der Nachwendezeit die „Russendisko“ und schrieb sein erstes gleichnamiges Buch. Seine Bücher sind längst Selbstläufer und Exportschlager. Außerdem ist er DJ in der Berliner „Tanzwirtschaft Kaffee Burger“.

Er wirkt etwas gehetzt. „Schlimm, wenn die Party zum Büro wird“, sagt Wladimir Kaminer, verzieht die buschigen Brauen über den dunklen Augen und steckt sich eine an. Erst letzte Nacht habe er in der Schweiz bis drei Uhr aufgelegt und dann nur fünf Stunden geschlafen. Die Nacht davor ebenso.

Es ist 22 Uhr, und Wladimir Kaminer trinkt einen Energietrunk mit viel Koffein. Denn Ruhe ist für ihn vor fünf Uhr morgens auch in dieser Nacht nicht in Sicht. Wir befinden uns in der „Tanzwirtschaft Kaffee Burger“, wo grad „Russendisko“ ist. Der Ort scheint völlig aus der Zeit gerückt. Die vergilbte Mustertapete und der rote Samt an den Wänden atmen DDR-Nostalgie pur. Selbst das Ofenrohr und der Garderobenständer versprühen original sozialistischen Charme.

Der Saal füllt sich, draußen stehen sie bereits Schlange. Das Publikum ist bunt gemischt. Russische Girlies, Halbstarke mit Proletenmütze, gutverdienende Mittvierziger, Touristen aus Paderborn und Bochum. Sie trinken Bier, Absinth, White Russian und Burger Special, eine Mischung aus Wodka, Ginger Ale und Gurke. Auch in dieser Nacht wird es wieder russischen Underground satt geben und vor allem ihn, den Star seiner eigenen Veranstaltung.

Wladimir Kaminer ist ein Phänomen. Im Osten erfand er in der Nachwendezeit die „Russendisko“ und schrieb sein erstes, gleichnamiges Buch. Seine Bücher sind längst Selbstläufer und Exportschlager. Er unternimmt Lesereisen durch die Goethe-Häuser dieser Welt und wird von den deutschen Kulturinstituten als der humorvolle Vorzeige-Russe präsentiert. „Ausländische Autoren haben oft einen schärferen Blick, weil sie eine andere Kultur kennen, Vergleiche ziehen können. Vergleiche sind wichtig. Man kann auf eine gewisse Distanz zurückgreifen“, sagt der gebürtige Moskauer.

Nach seinen Lesungen steht er mit seinem Freund und Verleger Juri Gurzhy am Plattenteller, in der deutschen Provinz wie in der Schweiz, auf dem Balkan, in Bulgarien oder Rumänien. Jetzt erscheint sein siebtes Buch, „Karaoke“. „Darin geht es eigentlich um die ganze Welt aus der Sicht der Musik. Es ist ein DJ-Handbuch“, sagt Kaminer.

Er wolle zeigen, dass Musik nicht nur ein Ausdruck von Lebensfreude, sondern gleichzeitig auch eine Widerstands-Geste gegen Unterdrückung sei. „Je mehr ein Land unterdrückt wurde, umso lauter singen dort die Menschen, umso mehr Musik entsteht.“ Und Kaminer fährt fort: „In Russland waren die Menschen die ganze Zeit unterdrückt. Die Deutschen waren auch unterdrückt und könnten ein Lied davon singen. Aber ich glaube, sie haben nach 1945 alle Texte vergessen.“

Inzwischen dreht Juri bereits am Plattenteller. Unter der Disco-Kugel bebt der Boden, alles hüpft, stampft und rockt im schweißtreibenden Rhythmus. Jung wie Alt. Ganz Brave und hemmungslos Gestylte.

Seite 1:

Interesse an Grobstaub-Debatten

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%