Wörlitzer Anlagen
Freiluftklassenzimmer

Von der Musterfarm bis zum Musentempel: Die Wörlitzer Anlagen sind der wohl schönste englische Garten auf deutschem Boden. Die Bildungsinstitution unter freiem Himmel entführt den Betrachter in eine Welt der Utopien. Eine Reise durch ein blühendes Gartenreich.

HB. Der Fürst reiste viel und gerne: England, Frankreich, Italien. Das, was er dort sah, gefiel ihm: Gärten, angelegte Landschaftsbilder – so etwas gab es zu seiner Zeit auf seinem Territorium nicht. Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau hatte vor genau 250 Jahren die Herrschaft über sein kleines Fürstentum an Elbe und Mulde übernommen. Sein armes Ländchen verwandelte er in ein blühendes Gartenreich. Das Herzstück: Die Wörlitzer Anlagen – eine Bildungsinstitution unter freiem Himmel.

Sie machen stumm und öffnen die Augen und Ohren für eine Utopie. Plaudernd steigen die Besucher in die breiten Kähne, die hier Gondeln heißen. Aber spätestens, wenn die hochgezogene Bugspitze aus der Weite des Sees in den Wolfskanal zielt, dann wird es still. Dann gehen die Blicke auf Wanderschaft, dann öffnen sich die Ohren für die Stimmen der Vögel, und die Nase riecht Wasser und Wiese. Diesen ganz besonderen Zauber hütet die Kulturstiftung DessauWörlitz mit Bedacht. In den Sommermonaten bietet sie Konzerte oder auch Lesungen im Park. Aber das Kartenkontingent ist jedes Mal limitiert: Der Geist des Ortes soll nicht durch große Gruppen gestört werden. Events sind in dieser Kunstlandschaft fehl am Platz.

„Wir haben uns lange überlegt, ob das zu uns passt“, gesteht Ermute Alex von der Kulturstiftung DessauWörlitz. Die Rede ist vom „Theater der Welt“, das dieses Jahr in Halle gastiert und zwei bekannte afrikanische Choreografen, Poiyo Okach aus Kenia und Andréya Ouamba aus dem Senegal, in das Wörlitzer Gartenreich entsendet. Schon jetzt ist die Veranstaltung ausverkauft. Offenbar hat das Publikum die Wahlverwandtschaft zwischen den beiden weltumspannenden Aufklärungsprojekten, dem Garten und dem Theater, intuitiv erkannt. In zwanzig „Gondeln“ werden die Theatergäste das Welterbe Wörlitz durchschiffen, die ferne Amalieninsel umrunden und dort statt Marmorstatuen Tänzer entdecken und schließlich auf der Insel „Stein“ anlanden, um im Amphitheater den getanzten Dialog mit dem Ort bis zum Schlusssolo Andreya Ouambas zu verfolgen.

„Komm! Ins Offene.“ Diese Losung des Dichters Friedrich Hölderlin gegen die „bleierne Zeit“ ist das diesjährige Motto des „Theaters der Welt“. Es ist gewissermaßen auch das Motto des Wörlitzer Gartenreiches, das bis heute keine Parktore kennt, keine Zäune und keine Grenzen außer den Dämmen, die die Elbe daran hindern, das mühsam kultivierte Land wegzuschwemmen. Das Gartenparadies ist für alle offen. Und das ist ganz im Sinne des Erfinders, des Fürsten Leopold. Als er 1758 gerade mal 18-jährig die Regierung des armen, von Kriegen ausgezehrten Ländchens Anhalt-Dessau übernahm, stand die Verbesserung der Landwirtschaft ganz oben auf seinem Reformprogramm. Die Landschaftsgestaltung nach englischem Vorbild nutzte er zudem als Instrument der Aufklärung. Sein ganz besonderes Gartenreich sollte eine Schule der Menschlichkeit unter freiem Himmel sein.

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