Wolf Lepenies erhält Friedenspreis
Der handelnde Intellektuelle

Am Sonntag erhält Wolf Lepenies für seine kulturenverbindende Arbeit den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der Soziologe und Schriftsteller gilt als ein aufmerksamer Beobachter der deutschen Gesellschaft. Für ihn ist Deutschland 2006 ein bisschen normaler geworden - aber nicht in allen Bereichen.

BERLIN. Sein großes, helles Büro in einer Gründerzeit-Villa im Berliner Westen ist kein Elfenbeinturm, eher die Schaltzentrale einer Gelehrtenrepublik. Forscher aus der ganzen Welt kommen vorbei, die "Fellows" des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Sie haben ihn als Erste mit Glückwünschen überhäuft, als er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt - eine Auszeichnung auch für die Institution, wie er in jedem Interview betont.

"Wir haben etwas aufgebaut", sagt Wolf Lepenies, "vor allem schon 1994 einen Schwerpunkt ,Moderne und Islam? geschaffen, nicht erst sieben Tage nach 9/11, mit Texten, über die ich jetzt noch stolz bin." Gefreut habe ihn das Kompliment, er habe "atemberaubende Hellsichtigkeit" bewiesen. Die Friedenspreis-Juroren schrieben in ihrer Begründung, an die Stelle des Drohbildes vom "Zusammenprall der Kulturen" habe er das Hoffnungsbild kultureller Lerngemeinschaften gesetzt.

Der Soziologe und Schriftsteller ist ein aufmerksamer Beobachter der deutschen Gesellschaft, denn so definiert er die Rolle des Intellektuellen, die sich im Lauf der Jahrhunderte nicht verändert hat: "Er soll Mahner sein, sich an der Wahrheit orientieren, Stachel sein, er soll sich aber auch nicht zu überheblich finden gegenüber denen, die mit Kompromissen arbeiten müssen und die auf die Kurzfristigkeit von Legislaturperioden sehen müssen, sprich der Politik. Aber vor allem soll er unbequem sein."

Hat der "Klinsmann-Effekt"aus dem Sommer 2006 gegriffen und den Deutschen Mut zum Aufbruch gegeben? Seine Diagnose: "Dieser Klinsmann-Effekt wird nachhaltiger im Ausland sein als bei uns. Vor allem in Frankreich hat sich in der Wahrnehmung etwas verändert, und ich habe den Eindruck, das es bleibt." In Deutschland sei die optimistische Stimmung vielleicht nur eine Episode, "aber es ist wichtig, dass man gespürt hat, es könnte anders sein". Das Fazit des Wissenschaftlers: "Ich sehe dieses Deutschland ein bisschen normaler, als wie es manchmal dargestellt wird."

Nur leider findet er in der Politik den Klinsman-Effekt nicht wieder. "Es gibt ein Riesenproblem: diese immobile große Koalition, die lauter kleine Schritte macht." Statt Enthusiasmus gebe es kompromisslerische Absprachen. Lepenies will jedoch keine Politikerschelte üben. "Der Wähler kann sich nicht entscheiden, dafür kriegen wir die Quittung." Dass gerade die Intellektuellen sich nicht überheblich fühlen sollen, ist ihm wichtig. Darum geht es in seinem neuen Buch "Kultur und Politik".

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