„Wolf of Wall Street“
Der aberwitzige Rausch des Geldes

Der Film „Wolf of Wall Street“ erzählt die Geschichte des Finanzganoven Jordan Belfort. Regisseur Martin Scorsese inszeniert seine Hauptfigur als Gauner mit Fokus auf Sex, Drogen und Geld – aber ohne Botschaft.
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25 Jahre ist es her, dass Gordon Gekko sein berühmtes Hohelied auf die Gier anstimmte. Sie sei gut und richtig, habe die USA zu dem gemacht, was sie sind, erklärte Gekko damals im Film „Wall Street“ von Oliver Stone. Für Generationen von Börsenbrokern, Investmentbankern und Finanzjongleuren wurde Gekko zum zweifelhaften Vorbild, sein Ausspruch zum Leitgedanken und bis heute lässt sich Neoliberalismus nicht einfacher erklären: Gier als Fortschrittsgedanke, als Treibstoff des Kapitalismus.

Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio) hat verstanden, was es mit der Gier auf sich hat. Er ist ein Vorstadt-Junge aus kleinen Verhältnissen, der an der Wall Street das große Geld sucht und er findet dort einen, der ein bisschen an Gekko erinnert: Sein kräftig koksender Chef beim Bankhaus L.F. Rothschild, Mark Hanna (Matthew McConaughey), hält dem jungen Belfort beim zweiten Martini zur Mittagszeit einen Vortrag darüber, was im Business wirklich zählt. „Beweg' das Geld aus den Taschen deiner Kunden in deine eigene Tasche“, sagt er. Alles andere ist erst mal unwichtig.

Jordan Belfort befolgt diesen Rat. Er versteht sich als eine Art Robin Hood, der das Geld von den Reichen nimmt und es nicht etwa unter den Armen verteilt. Nein, bei ihm ist es schließlich viel besser aufgehoben. Nachdem der Börsencrash von 1987 das Traditionsbankhaus Rothschild zusammenbrechen lässt und der junge Broker arbeitslos ist, gründet er sein eigenes Unternehmen: „Stratton Oakmont“ rühmt sich einer langen, zusammenfantasierten Tradition und verhökert wertlose Penny Stocks von Firmen, die Belfort über Mittelsmänner selbst gehören. Er verdient damit irrsinnig viel Geld. Mit 26 Jahren sind es schon 49 Millionen Dollar im Jahr.

Die Gier ist in „The Wolf of Wall Street“, der in dieser Woche in die deutschen Kinos kommt, nicht „gut“, sie dient keinem vorgeschobenen Fortschritt der Gesellschaft, sie ist einfach ein riesiger, nicht enden wollender Rausch. Jordan Belfort kann nicht genug kriegen. Mehr Sex, mehr Geld, mehr Drogen. Es ist, als wollte Regisseur Martin Scorsese den anderen Wahnsinnigen Hollywoods, Quentin Tarantino, übertrumpfen, ach: vergessen machen.

In den ersten Minuten des Films schnieft Leonardo DiCaprio einen beachtlichen Berg Kokain vom Hintern einer Prostituierten und schrottet beim anschließenden Heimflug einen Helikopter im Garten seines Anwesens. Im Großraumbüro seiner Firma werden Kleinwüchsige auf große Zielscheiben geworfen, die Meetings sind garniert mit Pillen und Pulvern jeder Art und ständig tanzen zwischen den Schreibtischen Nutten umher. Belfort ist der Herrscher über dieses Königreich des Exzesses – so lange die Verkaufszahlen stimmen, so lange seine Leute genug der wertlosen Papiere unters Volk bringen, hört die Party scheinbar nie auf. Der König steht nicht bloß daneben oder schaut auf das Geschehen herab, er ist immer mittendrin, ist Teil der Orgie.

Die Geschichte wirkt wie ein abstruser Traum. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass zumindest die grobe Handlung wirklich so stattgefunden haben soll. Es gab ihn wirklich, den skrupellosen Finanzganoven Jordan Belfort. In den 80er und 90er Jahren betrog er hunderte von Amerikanern und ist seinen Opfern bis heute 110 Millionen Dollar Wiedergutmachung schuldig. Das Drehbuch von Terence Winter, der bereits bei den „Sopranos“ mitschrieb und „Boardwalk Empire“ entwickelt hat, basiert zu großen Teilen auf der gleichnamigen Autobiographie. So ist es auch Belfort, der uns Zuschauern als Off-Stimme von seinem Aufstieg erzählt, von seinen Erfolgen, Partys, vom vielen Geld und dem Leben, das er geführt hat. Gelegentlich bricht er die vierte Wand, spricht direkt in den Kinosaal. Während im Büro heftig gefeiert wird, läuft Belfort auf die Kamera zu und setzt an, die Geschäftspraktiken genauer zu erläutern. Aber: „Für die Details interessieren Sie sich nicht, oder?“

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  • Mal davon abgesehn, dass der Vortrag von Mark Hanna bereits beim ersten Martini erfolgte und der Hubschrauber nicht "geschrottet" sondern lediglich hart gelandet wurde, habe ich den Film auch in anderen Bereichen anders wahrgenommen. Ich fand Jordan Belfort trotz seines Handelns sympathisch und von Ekel habe ich auch nichts gespürt. Vielmehr habe ich den überwiegenden Teil des Films mit einem Grinsen auf dem Gesicht genossen. Und das obwohl ich das Handeln des echten Jordan Belfort verabscheue und keine Drogenvergangenheit oder Erfahrung mit Prostituierten vorweisen kann. Auch wenn dieser Film nach meinem Dafürhalten einer der besten der letzten Jahre ist und sich ein Kinobesuch definitiv lohnt, sollte man sich im Klaren sein, dass Belfort mit den Rechten an seiner Geschichte ordentlich Kasse macht, während seine von Gier getriebenen Anleger kaum noch was von ihrem Geld sehen werden.
    Erschreckender als die Darstellung im Film, ist eher, dass er mit läppischen 22 Monaten Gefängnis davongekommen ist und in gewisser Weise als Gewinner aus dem Ganzen hervorgeht. Man kann nur hoffen, dass es bei Markus Frick anders sein wird.
    Eins muss man Jordan Belfort auf jeden Fall lassen. Er verkauft sein Leben genauso gut wie zuvor Fleisch oder Aktien.

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