Wolfgang Beltracchi
"Große Kunst auf neue Art und Weise"

Der ehemalige Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi ist seit Anfang dieses Jahres auf freiem Fuß. Zurzeit stellt er in einer Münchener Galerie mit seinem Namen signierte Gemälde aus. Diese sind immer noch von bedeutenden Künstlern des 20. Jahrhunderts inspiriert.
  • 0

MünchenDer begabte „Jahrhundertfälscher“ Wolfgang Beltracchi, neuerdings TV- und Filmstar sowie populärer Entertainer, stellt erstmals in Deutschland in der Münchner Galerie „art room9“ eigene, mit seinem Namen signierte Gemälde aus. Die mit enormem Medienrummel lancierte Schau bezeichnet der Galerist, Musikproduzent und Songwriter Curtis Briggs als „eine reine Kunstausstellung des Künstlers Beltracchi“. Nach vier Jahren Haft im freien Verzug und vorzeitiger Freilassung Anfang dieses Jahres präsentiert Beltracchi bei Briggs eine Reihe neuer Gemälde, die an bekannte Techniken und Motive von berühmten Malern des 20. Jahrhunderts erinnern. Der vielseitig interpretierbare Titel der Schau lautet „Freiheit“.

Früher hatte der Maler Beltracchi die Handschrift vieler Künstler nachempfunden, von Experten authentifizieren lassen und in den Handel geschleust. Heute meint Briggs: „Seine Malerei kommt aus der Seele, er fühlt wie ein Schauspieler, der sich in andere Maler hineindenkt“. Ganz ohne Ironie fordert der Event-Produzent die Bezeichnung „Künstler“ für seinen Medienstar ein und argumentiert: „Das ist große Kunst auf neue Art und Weise und deswegen stelle ich ihn aus“.

Geht es um eigene Ideen?

Eigentlich ist eine Gelegenheit, über den Begriff des „Künstlers“ und des „Kunstwerks“ nachzudenken: Wer kann diese Qualifikation für sich in Anspruch nehmen? Wem wird sie zuerkannt und von wem? Geht es um einen eigenen Schaffensprozess, eigene Ideen, die Entwicklung einer eigenen malerischen Technik, von Motiven und Phantasiewelten? Um formelle Revolution oder Re-Produktion, um malerisches Können im Sinne eines Kunsthandwerks, um Kunstfertigkeit und Imitation? Oder geht es in erster Linie um den Bekanntheitsgrad der Person und deren Namen und in zweiter Linie um visuell Bekanntes? Oder gar um den Preis, der durch Marketing und mit Medienhilfe systematisch hochgeschraubt wird?

Nachdem Beltracchi Ende 2014 in der Berner Galerie von Christine Brügger 22 Gemälde zum Preis von etwa 33.000 bis 145.000 Euro verkaufen konnte, kosten die neuen, in der „Freiheit“ entstandenen Gemälde bis 60.000 Euro.

Noch gut 250 Fälschungen im Umlauf

Galerist Curtis verbietet jegliche Erwähnung der früheren Fälschertätigkeit seines neuen Schützlings, der „seine Strafe abgesessen hat und ein neues Leben anfangen kann“. Daher werden Interviewwünsche an das Ehepaar Beltracchi nur dann weiter gegeben, wenn man sich auf die aktuelle Ausstellung beschränkt. Die Frage an Helene Beltracchi, wie sie es heute sieht, dass sie und ihr Mann ihre Gefängnisstrafe absaßen, während viele Händler, Zwischenhändler, Experten völlig ungeschoren oder mit einer Geldstrafe und/oder Rufschädigung davonkamen, bleibt dementsprechend unbeantwortet. Ebenso wie das Gros der Namen derer, die an Beltracchis Imitationsfähigkeit 36 Jahre lang mindestens ebenso gut verdienten wie er selbst. Obwohl Helene Beltracchi sie im vierhändig verfassten „Selbstporträt“  geschickt anschnitt.

Amüsiert berichtete der Ex-Fälscher anlässlich der Vernissage, dass er rund 100 Maler kopiert hätte und dass noch gut 250 gefälschte Werke im Umlauf seien. Die Verunsicherung von Museen, Kuratoren, Handel und Sammlern beschwingt ihn. Was er und seine (diskreten) Komplizen rund um den Kölner Prozess als Aufdeckung der Praktiken des Kunstmarktes darstellten, gab tatsächlich einen gewissen Einblick in die Hintergründe und die Schwachstellen des Marktes, insbesondere des (zu) rasch agierenden Auktionsmarktes.

Beltracchi malt jetzt unter eigenem Namen. Aber die Konsequenzen seiner jahrzehntelangen, klug dokumentierten Maltätigkeit unter fremden Namen sind immer noch nicht abzusehen.

„Wolfgang Beltracchi. ‚Freiheit’“, bis 23. Oktober 2015, art room9, München, Mo., Mi. bis Sa. 13 bis 19 Uhr

Kommentare zu " Wolfgang Beltracchi: "Große Kunst auf neue Art und Weise""

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%