Wolfgang Herles legt in seinem Beitrag zur Debatte um Politikverdrossenheit viel Wert auf Provokation
Deutsche Demokratie im Zerrspiegel

Wolfgang Herles, der Moderator des Kulturmagazins Aspekte, kann es mühelos mit Harald Schmidt aufnehmen. Seine Streitschrift zur Bundestagswahl "Dann wählt mal schön - Wie wir unsere Demokratie ruinieren" ist ein glänzend geschriebener Verriss der deutschen Politik. Er räumt gründlich mit dem vom Autor beklagten Mangel an Streitkultur in Deutschland und dem Konsens- und Geschlossenheitskult auf.

HB DÜSSELDORF.Herles sieht in einem "Volk von Hosenscheißern" die größte Gefahr für die Demokratie. Man muss allerdings gern durch jene Spiegelkabinette mit den hässlich machenden Zerrspiegeln gehen, um das Buch mit Gewinn zu lesen. Ein wenig schade ist es schon, dass der Autor so wenig Wert auf Ausgewogenheit und so viel Wert auf den provokativen Gag mit der satirischen Überspitzung legt.

Das entwertet seine berechtigte Kritik an den Fehlentwicklungen in den Parteien und dem Populismus vieler Politiker. Wird man Helmut Kohl wirklich voll gerecht, wenn man in ihm wie Wolfgang Herles lediglich "diese aufgeschwemmte, von geistig-moralischem Geschwätz triefende, in nichts als in sich selbst und seine Macht verliebte Wahlkampfmaschine" sieht und ihm vorwirft, kein Bundeskanzler habe das Volk bedenkenloser getäuscht und belogen?

Angela Merkel bleibt Herles rätselhaft. Über Seiten reiht er Frage an Frage über ihren Charakter, ihre Ziele, ihre Fähigkeiten und hat doch gleichwohl fest gefügte Urteile zur Hand: Angela Merkel, schreibt er, trage unter ihrem Reformkostüm im Business-Look die Angoraunterwäsche des alten kohlschen Kanzlerwahlvereins. Herles behauptet aber zugleich, die neue Kälte (trotz Angoraunterwäsche?) werde von einer Ostdeutschen verkörpert, und wirft ihr vor, wie ein geistiger Besatzungsoffizier zu wirken. Der "Wohlfühlkanzler" Gerhard Schröder, der mit seiner Agenda 2010 zum Reformkanzler wurde, kommt besser weg.

Die Grundthese des Autors, die Politikverdrossenheit gehe in Demokratieverdrossenheit über, ist ebenso anfechtbar wie sein Ratschlag an die enttäuschten Nichtwähler, künftig ungültige Stimmen abzugeben. Das ist ein erstaunlich unpolitischer Protest. Demokratie heißt Vertrauen auf Zeit. Sie lebt vom Wechsel. Dieser hat sich 1998 im Bund und seitdem in vielen Bundesländern vollzogen.

Solche Machtwechsel erhöhen die Lernfähigkeit der Parteien. Es ist schon ein Fortschritt, wenn eine Partei vor der Wahl sagt, dass sie die Mehrwertsteuer erhöhen will. Das macht Hoffnung auf mehr Ehrlichkeit in der Politik. Jede gültige Stimme zählt, auch die eines so verdrossenen Buchautors.

WOLFGANG HERLES: Dann wählt mal schön Piper Verlag, München 2005, 256 Seiten, 17,90 Euro

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