Wunderkammern
Was macht der Narwalzahn im Schrank?

Wunderkammern der frühen Neuzeit markieren die Anfänge des abendländischen Sammelwesens. Hinter ihnen standen Fürsten, Gelehrte und Künstler. Wie sie Raritäten, Kostbarkeiten und Kuriositäten im Raum organisierten, inspirierte Jahrhunderte später Kuratoren und Künstler des 20. Jahrhunderts. Mit diesen Einsichten betritt Gabriele Beßler, Autorin einer enzyklopädischen Neuerscheinung über Wunderkammern, neuen Boden.

Die Geschichte des abendländischen Sammelwesens beginnt mit den Wunderkammern der frühen Neuzeit. Sie waren das Werk von Fürsten, Gelehrten und Künstlern. Welches Bild sie sich von der Welt machten, ist heute jedoch nur noch ansatzweise zu begreifen. Denn fast alle Teile, die sie in eigens dafür eingerichteten Studierzimmern (Studiolos) oder Kammern zu neuer Ordnung zusammenfügten - Nautiluspokale, Korallenbäume, Tierpräparate und Narwalzähne etwa - wurden über die ganze Welt zerstreut. Sie landeten in Museen, Privatsammlungen und auf dem Kunstmarkt.

Museen sind so gesehen nicht die Vorläufer der Kunstkammern, wie häufig zu lesen ist. "Sie sind ihr Zerfallsprodukt", erläutert Gabriele Beßler, Autorin des jüngst erschienenen Buches über Wunderkammern. Sie zu rekonstruieren ist eben deshalb äußerst schwer. In der Forschungsliteratur ging es bisher überwiegend um die Betrachtung von Einzelstücken oder einzelner Sammlungen. Beßler entschied sich deshalb für einen anderen Weg. Sie untersuchte die Wunderkammern als Raumerlebnis und Instrument der Wahrnehmung und fand so den roten Faden, der sie in die Kunst der Gegenwart führte.

Dass bei der Organisation und Gestaltung von Wunderkammern damals wie heute der kuratierende Künstler eine zentrale Rolle spielt, ist eine der wichtigsten Thesen der Autorin. Ein verblüffender Gedanke. Man stelle sich den Jesuiten, Universalgelehrten und Kammerbesitzer Athanasius Kircher als heutigen Kurator vor. Seite an Seite mit dem Essener Mediziner und Sammler Thomas Olbricht. 2007 bot sich dem Wella-Erben die Chance, seine Sammlung von zeitgenössischer, Alter und angewandter Kunst im damals leer geräumten Museum Folkwang mit einigen ihrer Verästelungen auszustellen. Olbricht inszenierte seine Schätze nicht nur wie eine Wunderkammer. Er zeigte auch eine - mittendrin und in der Gesellschaft von mittelalterlichen Tafelbildern und zeitgenössischer Malerei.

Künstler des 20. Jahrhunderts wie Joseph Cornell, Kurt Schwitters, El Lissitzky oder Marcel Duchamp haben sich die Idee der Kunstkammer früh zu eigen gemacht; Kuratoren, allen voran Harald Szeemann, öffnet sie den Spielraum für ideelle Vernetzungen und interdisziplinär bespielte Räume. Die documenta 5 in Kassel im Jahr 1972 liefert dafür das erste legendär gewordene Beispiel.

Auch zeitgenössische Künstler machen sich die Idee der Wunderkammer als Instrument der Wahrnehmung zu eigen. Sie laden Alltagsgegenstände mit neuer Bedeutung auf wie Claes Oldenburg oder der Fluxus-Künstler George Brecht, oder sie befragen museale Repräsentationsmechanismen wie Marcel Broodthaers mit seinem 1968 eingerichteten "Musée d'Art Moderne, Département des Aigles". Jüngere Beispiele für zeitgenössische Wunderkammern liefern die Amerikanerin Andrea Zittel mit speziell eingerichteten mobilen "Wohneinheiten" oder die Künstler, die sich in den 1990er-Jahren mit parallelen Strategien von Kunst und Naturwissenschaften beschäftigen.

Ein instruktiver, gut strukturierter Anhang komplettiert Beßlers detailreiche Inspektion. Hier findet der Leser eine systematische Übersicht der bedeutenden erhaltenen und rekonstruierten Wunderkammern und Naturalienkabinette. Ausführlich dokumentiert ist außerdem die von der Autorin selber kuratierte Stuttgarter Ausstellungsreihe "KunstRaum Wunderkammer", in der sich von 2003 bis 2007 zeitgenössische Künstler mit der Welt als Modell auseinandergesetzt haben.

Gabriele Beßler: Wunderkammern. Weltmodelle von der Renaissance bis zur Kunst der Gegenwart, Dietrich Berlin 2009, 250 Seiten, 39 Euro

www.reimer-verlag.de

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%