Yuval Noah Harari
„Das System ist erstarrt“

Das Buch „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“ von Yuval Hoah Harari hat Wirtschaftsbuchpreis 2017 gewonnen. Der Historiker vermisst eine große politische Debatte über Zukunftsvisionen. Mit ihm sprach Gabor Steingart.
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Yuval Noah Harari wohnt zusammen mit seinem Mann und Manager außerhalb von Tel Aviv. In der Innenstadt gehört ihm ein kleines Apartment, das er für Gespräche mit Informanten, Geschäftspartnern und Journalisten nutzt. Die Kargheit des Ortes spiegelt die gedankliche Klarheit des Inhabers wider. Der Historiker Harari lebt vegan und meditiert täglich. So gelingt es ihm, die Geräusche der Welt herunterzupegeln und zum Wesenskern unserer Zeit vorzudringen. Sein erstes Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ wurde weltweit sechs Millionen Mal verkauft. Das neue Buch „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“ fand seit Veröffentlichung im Herbst 2016 rund drei Millionen Käufer. Auf Deutsch erschien es im Frühjahr.

Herr Harari, Sie sind gerade auf dem Sprung nach Indien. Für zwei Monate wollen Sie dort meditieren. Warum?
Ich werde dort zwei Monate leben – ohne E-Mails, ohne Computer, ohne Telefon und sogar ohne Bücher. Ich spreche mit niemandem und versuche, ganz im Jetzt zu leben und auf meinen Körper und meinen Geist zu hören.

Klingt nach Realitätsflucht.
Im Gegenteil. Für mich bietet diese Auszeit, die ich mir jedes Jahr gönne, die Möglichkeit, mit der Realität näher in Kontakt zu treten. Denn als Historiker ist es für mich besonders wichtig, den menschlichen Geist zu verstehen. Denn der ist der Motor, der die Geschichte vorantreibt. Unsere Sehnsüchte und Leidenschaften, unser Zorn und unsere Angst sind es, die Geschichte machen. Wenn man die großen Gefühle verstehen möchte, muss man sie betrachten. Und genau das tue ich beim Meditieren.

Glauben Sie, dass eine vertiefte, monatelange Meditation die Grundlage für jedes gute Buch legen kann? Würden Sie das auch anderen Autoren empfehlen?
Ich meditiere nicht, um über Bücher nachzudenken oder Themen zu recherchieren. Trotzdem glaube ich, dass ich ohne Vipassana – so heißt die Meditationstechnik, die ich seit 17 Jahren praktiziere – meine Bücher nicht hätte schreiben können.

Was hätte Sie gehindert?
Wir alle ziehen gerne übereilte Schlüsse und handeln oft überstürzt. Wenn man sich jedoch die Zeit nimmt, einfach da zu sein, die Welt zu beobachten und das gedankliche Fenster offenzuhalten, entstehen daraus kreative Dinge. Wenn man sich nicht genügend Zeit gibt, schreibt und handelt man in eingefahrenen Bahnen.

Es geht also für den Autor Harari darum, Stereotype zu überwinden – auch die im eigenen Kopf?
Genau. Denn meine Gedanken verlaufen – genau wie die aller anderen Menschen auch – in bestimmten Bahnen. Wenn man da nicht ausbricht, ist man dazu verdammt, denselben Mustern immer wieder zu folgen. Es ist extrem schwierig, sich selbst von diesen Denkgewohnheiten zu befreien, sich von den alten Konditionierungen zu lösen. Das bedeutet harte Arbeit.

Sie haben in die Zukunft der Menschheit geschaut, und was Sie da sehen – den Supermenschen, der eine intime technologische Verbindung mit der Maschine eingeht –, hat viele Ihrer Leser schockiert oder mindestens verängstigt. Wie würden Sie den Tonfall Ihres Buches beschreiben? 
Ich habe zumindest versucht, eine gewisse Leichtigkeit hineinzubringen und mich nicht zu sehr dem Pessimismus hinzugeben. Denn aus der Geschichte wissen wir, dass jede neue Technologie und jede Veränderung sowohl ein äußerst positives als auch ein sehr negatives Potenzial besitzt.

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