Zeitgenössische chinesische Kunst
Radikal reduziert

Wer den Gemälden von Qiu Shihua das erste Mal begegnet, dessen Augen ertrinken in Weiß. Erst beim genaueren Hinschauen offenbaren sich die Schemen einer Landschaft, werden Bäume, Wälder und Hügel sichtbar. Seit seiner Teilnahme an der Biennale Venedig 1999 ist der chinesische Landschaftsmaler ein international gefragter Künstler. Die Kölner Galerie Karsten Greve zeigt aktuell seine Arbeiten aus den Jahren zwischen 2000 und 2013.

KölnSeine Bilder wirken leer, bestenfalls nicht fertig - wenn man ihnen nur wenige Sekunden Aufmerksamkeit schenkt und mit schnellem Schritt weitereilt auf der Suche nach Sensationen. Wer dagegen länger vor den Leinwänden des weltweit verehrten Landschaftsmalers Qiu Shihua (*1940 in der chinesischen Provinz Sichuan) verweilt, entdeckt Bäume, Waldsäume, Berge, Talsenken, einen Weg oder eine fahle Wintersonne über einem Feld. Unter Schleiern von dünner Farbe verbirgt der Maler die dunkeltonigen Gegensatzpaare der klassischen chinesischen Landschaftsmalerei, Berge und Meeresküsten, die das Starre und das Fließende symbolisieren. Qius Gemälde sind figurativ, obwohl sie gegenstandslos scheinen.

Das Entschleiern

Das, was Museumsdirektoren und Privatsammler an Qiu Shihua schätzen, ist der Prozess, auf den er den Betrachter schickt. Der muss sich Zeit lassen beim Entschleiern, lange hinschauen und akzeptieren, dass das einmal gefasste Motiv nicht festzuhalten ist und wieder verschwindet.

In Köln kann der Kunstfreund Qius taoistisch fundierte Malerei jetzt bis 31. Oktober 2015 in der Galerie Karsten Greve an so faszinierenden wie fordernden Originalen studieren. In der gerade eröffneten Soloausstellung „Aura of Nature“ führen 20 Gemälden aus den Jahren 2000 bis 2013 ein sublimes Spiel mit extremer Reduktion meisterhaft vor. Der Galerist Karsten Greve schätzt an Qiu Shihua: „die großartige Qualität im Raum der chinesischen Malerei. Sein Werk ist ein wunderbares Beispiel für große Kunst, die man nicht im Vorbeigehen konsumieren kann.“

Die innere Welt

Denn Qiu Shihua treibt die Konzentration auf das Wesentliche so weit, dass der Betrachter zunächst glaubt, er stehe vor Werken eines Konzeptkünstlers, der die Farbe Weiß systematisch erkundet. So tut es der Amerikaner Robert Ryman seit Jahrzehnten. Doch Qiu Shihua malt wie die alten chinesischen Meister eine innere Welt, die keinerlei Perspektive bedarf.

Seit seinem 1999 von dem damaligen Schweizer Botschafter Uli Sigg initiierten Auftritt auf der Biennale von Venedig, ist Qiu Shihua ein gefragter Künstler. Gemessen an seiner Bedeutung für die zeitgenössische chinesische Kunst und seiner weltweiten Karriere sind die Preise, die bei Greve zwischen 38.000 und 150.000 Euro liegen, noch moderat zu nennen.

Die Spiritualität von Qius weißen Bildern steht in scharfem Kontrast zu dem, was er als junger Maler während der Kulturrevolution malte: Plakate für Propagandafilme im Stil des sozialistischen Realismus. Wäre es dabei geblieben, wäre sein Werk längst vergessen.

"Qui Shihua. Aura of Nature", bis 31. Oktober 2015, Galerie Karsten Greve, Köln

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