Zeitgenössische Kunst
Alter Wein in neuen Schläuchen

Der schottische Videokünstler Douglas Gordon generiert aus der Wiederverwertung von Kunst eigene Werke. Doch der Funke springt nur in Ausnahmefällen über. Das zeigte ein Besuch seiner großen Einzelausstellung im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt.
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FrankfurtManchen Stars hat Douglas Gordon vorher die Augen ausgeschnitten, andere Bilder ein wenig angebrannt und bekritzelt und damit – ganz eng beieinander – einen Raum des Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) behängt. Der Titel der Installation ist selbst ein Zitat: „Straight To Hell“ nennt der schottische Künstler seine Arbeit – so heißt eines der besten Stücke des „Combat Rock“-Albums der englischen Band The Clash.

Eine „Collage der Einflüsse“ nennt Gordon diesen Raum, den man so ähnlich, freilich in kleinerem Maßstab und mit weniger geschmackvollen Rahmen, in vielen WG-Küchen schon gesehen hat. Da hängt u.a. ein Morrissey-Porträt, eines von Ian Curtis, die Postkarte eines Cranach-Aktes und eine Abbildung von Mosaiken aus Torcello. Außerdem gibt es noch eine andere Karte mit einem Cranach-Gemälde, das Gordon mit schwarzem Gaffer-Tape auf einen Karton geklebt hat und eine Caravaggio-Postkarte gleich daneben. All das hat Gordon in kleine weiße Objekträhmchen eingelegt.

Man heftet das, was man mag, sei es nun Tilda Swinton oder Ulrike Meinhof, die eigene Geburtsurkunde, ein Bild der Mutter in den Siebzigern, auch Che Guevara oder Andy Warhol, private Polaroids und alte Comics gerne an die Wand, um den Besuchern zu zeigen, was für einen ungewöhnlichen Geschmack man hat – oder was einem wichtig ist. Auf einem Rahmen hat Gordon ein paar leere Bierflaschen drapiert, die nichts mehr bedeuten, außer einmal getrunken worden zu sein – müde Provokation.

Spiegel des Lebens

Was das nun alles mit Kunst zu tun hat, erklärt sich in dem Moment, wenn man behauptet, dass Kunst und Leben dasselbe seien – und so kann man diese Arbeit auch erklären: als ein Porträt des „Menschen“ Douglas Gordon, eine Art Autobiografie, ein Spiegel seines Lebens und seiner Vorlieben, seines Weges vom Glasgower Kunststudenten zum Erfolgskünstler des frühen 21. Jahrhunderts.

Hommage à Zidane

Gordon, der als Professor an der Frankfurter Städelschule lehrt, gilt als einer der wichtigsten Künstler seiner Generation. Vor allem ist er mit Videos bekannt geworden wie zum Beispiel mit seiner Arbeit über den Fußballer Zinédine Zidane. Auch sie ist in Frankfurt zu sehen, eindrucksvoll vertont von der phantastischen schottischen Band Mogwai. Mit Hochgeschwindigkeitskameras filmte Gordon den Fußballspieler. Jede Geste Zidanes, jede Bewegung wurde aufgezeichnet.

Die Filmbilder der Arbeit „Zidane: A 21st Century Portrait“ sind im MMK nun auf 18 Monitoren ungeschnitten zu sehen. Doch was da über die Monitore flimmert, bietet auf bildlicher Ebene im Vergleich zu traditionellen Fernsehbildern kaum einen Mehrwert. Allzu kleine, miteinander verkabelte Monitore, verteilt auf einen großen Raum – und sonderbar, die Bildqualität ist überraschend schlecht.

Elefant in der Galerie

Suggestiver und eindringlicher ist die in Besitz des MMK befindliche Arbeit „Play Dead. Real Time“ aus dem Jahr 2003, für die Gordon einen Elefanten in einem weißen Raum  der New Yorker Gagosian Gallery gefilmt hat. Doch es ist nicht der Künstler, der hier Schönheit schafft; es sind die Bewegungen des Elefanten, die von ruhiger Anmut, aber auch von Hilflosigkeit zeugen. Der Betrachter wird hier zum Voyeur, denn die Kamera kreist stetig um den Protagonisten.

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