Zeitgenössische Kunst
Das Ich - posthum

Was bleibt von mir, wenn ich sterbe? Um diese Frage kreist die aktuelle Gruppenschau bei 68projects in Berlin. Dahinter steht die Galerie Kornfeld und ein Residency-Programm, an dem jährlich bis zu drei Künstler teilnehmen können.
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BerlinEine Zeitung wird vom Wind durch die karge, scheinbar endlose Weite der Black Rock Desert getrieben. Die Kamera folgt ihr über dem trockenen, rissigen Lehmboden, ohne den Bergen am Horizont erkennbar näher zu kommen, nähert sich ihr manchmal und fällt dann wieder zurück. Der lautlose Film endet so unvermittelt, wie er begonnen hat.

Die Black Rock Desert ist eine 3 Millionen Hektar große Wüste im nordwestlichen Teil Nevadas, der Überrest eines prähistorischen Sees, der nach der letzten Eiszeit austrocknete. Das Video ist so faszinierend wie seine Entstehungsgeschichte. Der Künstler Chris Engman blieb bei den Dreharbeiten mit seinem Auto liegen, musste die Nacht dort verbringen und am nächsten Tag 40 Kilometer laufen, bevor ihn jemand mitnahm – in vielfacher Hinsicht eine Grenzerfahrung.

Ein Tabuthema wird umkreist

Das Bild der dahinwehenden Zeitung, die man verfolgt, aber nie erreichen kann, erinnert an das Getriebensein des Lebens ebenso wie an das Dahinwehen der Zeit. Es beschreibt das spannende, kuratorische Konzept der Ausstellung „When I die...“ im Projektraum 68projects der Berliner Galerie Kornfeld recht treffend.

Tod und Sterben sind weiterhin eines der wenigen Tabuthemen in unserer Gesellschaft, da sie für den Einzelnen eine unvorstellbare und letztlich eine nicht kommunizierbare individuelle Erfahrung sind. Was von uns bleibt, wenn wir sterben, ist eine ebenso mutige wie beklemmende Provokation; die Ausstellung bringt damit eine tiefgreifende Frage, die an den Kern unserer Existenz rührt, auf den Punkt. Denn nicht nur Künstler wünschen, dass etwas von ihnen der Nachwelt überliefert wird. Die Ausstellung spiegelt mit der beeindruckenden Bandbreite von Malerei, Fotografie, Videokunst, Skulptur, Installation und Konzeptkunst die Vielfalt der möglichen Antworten der aus Berlin, New York, Tiflis, Kopenhagen und Los Angeles stammenden Künstler auf diese schwer zu thematisierenden Frage wieder.

Sammler und IT-Unternehmer

Der im September 2014 gestartete Projektraum der Berliner Galerie Kornfeld lädt im Rahmen eines eigenen Residency-Programms jährlich bis zu drei Künstler nach Berlin ein, unter ihnen Chris Engman. Er geht zurück auf eine private Initiative der beiden Kunstsammler und IT-Unternehmer Anne Langmann und Alfred Kornfeld, die 2012 gemeinsam mit dem aus Georgien stammenden Kurator Mamuka Bliadze die Galerie Kornfeld in der Fasanenstraße 26, der ehemaligen Berliner Repräsentanz des Suhrkamp Verlags, gründeten.

„Die gesamte Ausstellung funktioniert wie eine Flaschenpost in die Zukunft“, so der Kurator Quang Bao, der zuvor lange für die Stiftung von Susan und Michael Hort in New York arbeitete. Welche dieser Kunstwerke die Künstler überdauern werden, muss jeder Besucher für sich feststellen.

„When I die...“, bis 20. Juni 2015, 68projects, Fasanenstraße 68, 10719 Berlin (Die. Bis Sa. 11 bis 18 Uhr

Nächste Ausstellung: „Queertopia: It Takes A Village“, 27. Juni bis 5. September 2015

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