Zeitgenössische Kunst
Die stille Reserve der Pleitebanker

Zwei Jahre nach der spektakulären Pleite von Lehman Brothers kommt nun ein schillerndes Erbe unter den Hammer: Der bessere Teil der Kunstsammlung der Investmentbank soll in New York rund 10 Millionen Dollar bringen. Doch die Bieter sind wählerisch. Es könnte sich zeigen, dass sich die Banker auch bei der Kunst verspekuliert haben.
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NEW YORK. Heute liest sich das Bild als Symbol für das Wasser, das den Bankern bis zum Halse steht. 1998 aber, als Vermögensberater Roy Neuberger "Untitled (Swimmer No. 1)" von Fang Lijun erwerben ließ, war es nur ein mit dem Wasser kämpfender Sportler - gemalt von einem angesagten Chinesen. Neuberger hatte immer gute Art-Consultants, die Künstler kauften, bevor sie zu Stars der schnelllebigen Contemporary Art wurden. Ende der neunziger Jahre begannen die Chinesen gerade, die Szene aufzumischen, dann wurden sie Teil des überreizten Kunstmarkts, der von Rekordpreis zu Rekordpreis eilte.

Doch seit dem Katastrophenherbst an der Wall Street vor zwei Jahren hat sich der Umsatz mit zeitgenössischer Kunst halbiert. "Die Preise für einzelne Kunstwerke von Topkünstlern wie Warhol haben sich gar nicht so sehr verändert", sagt Tobias Meyer, Leiter des weltweiten Geschäfts für zeitgenössische Kunst im Auktionshaus Sotheby's. "Aber das mittlere und das untere Segment leiden. Der Markt ist jetzt absolut preis- und qualitätsorientiert", fügt der Starauktionator hinzu. "Es gibt nicht mehr die kritiklose Akzeptanz jedes neuen Stars und jeder neuen Richtung wie früher."

Der Umsatz von Sotheby's im Geschäft mit zeitgenössischer Kunde brach von 1,48 Mrd. Dollar 2008 auf 443 Mio. Dollar im vergangenen Jahr ein. Im ersten Halbjahr 2010 hat sich die Lage aber schon verbessert.

Die Schätzpreise wurden aus Angst gesenkt

Ausgerechnet in diesem Umfeld versuchen die Insolvenzverwalter von Lehman Brothers, 147 Objekte aus der Kunstsammlung der Pleitebank bei Sotheby?s zu versteigern. Mehr als zehn Mio. Dollar wollen sie am 25. September in New York für die Gläubiger mit Werken zeitgenössischer Künstler einnehmen. Von drei geplanten Auktionen in New York, Philadelphia und London ist dies die wichtigste. Kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, selbst wenn man von 260 Milliarden Dollar runtergerechneter Gläubigeransprüche ausgeht.

Die ganz großen Namen wie Andy Warhol, Willem de Kooning oder Roy Lichtenstein fehlen der Offerte. Dafür sind viele damals begehrte Marktlieblinge mit dabei, etwa Damien Hirst, Fang Lijun, Liu Ye oder Richard Prince. Dass überhaupt marktrelevante Werke von international eingeführten jüngeren Künstlern jetzt Lehman-Konkursmasse sind, verdankt sich der Übernahme von Neuberger Berman und 900 Kunstwerken durch Lehman Brothers im Juli 2003. Einen Teil kauften Neuberger-Berman-Mitarbeiter nach dem Lehman-Crash im Mai 2009 in einem Management-Buy-out zurück.

Vor 20 Jahren hatte der Vermögensberater Neuberger damit begonnen, eine Firmensammlung anzulegen, die topaktuelle Entwicklungen der Kunstszene dokumentieren sollte. Und die Mitarbeiter von Neuberger Berman in Midtown Manhattan wussten es zu schätzen. Sie durften sich aus dem Fundus stets die angesagte Kunst für ihre Bürowände wählen: Yoshitomo Naras kitschige Pilger-Figuren aus Fiberglas oder Takashi Murakamis poppiges Smiley-Gesicht. Wer es gediegener wollte, wählte das Litho "Betty", die Rückenansicht von Gerhard Richters gleichnamiger Tochter, oder Neo Rauchs verrätseltes Bild in Rot, das den Titel "Einbruch" trägt. Oft wurde die junge Kunst direkt von der Staffelei weg gekauft. Nicht nur leichte Kost war dabei, es gab auch unbequeme oder schwierige Arbeiten wie das spröde und auch heute noch befremdliche Porträt "Shakespeare Actress" von John Currin. Dieser Maler betrat in den frühen 1990er-Jahren die Szene, als Malerei gerade verpönt war.

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