Zeitgenössische Kunst
Oberhemd aus geschredderten Akten

Die Generali Versicherung leistet sich ein Denk-Labor in ihrer Kölner Konzernzentrale. Sie lässt Nachwuchskünstler experimentieren und zu sich selbst finden. Nur wenige Unternehmen haben so viel Mut und Aufgeschlossenheit.
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KölnDer „Lichtkünstler“ Mischa Kuball hatte sich 2008 zu seinem Einstand als Professor für Medienkunst in Köln ausgerechnet die düsteren Kellerräume der Kunsthochschule für Medien am Kölner Peter-Welter-Platz ausgesucht. Gemeinsam mit seinen Studenten entwickelte er daraus das „Experimentallabor MINUS 1“ http://minus1.khm.de/ und plante von Anfang an, in die Stadt hineinzuwirken. Der Netzwerkgedanke spielte in seinem Künstlerleben immer eine wichtige Rolle. Es gibt keine „Klasse Kuball“. Die Kölner Medienhochschule ist, ebenso wie die Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, eine Reformhochschule. Der pädagogische Ansatz heißt: Alle Kollegen betreuen alle Studierenden – jedenfalls im Idealfall. Wenn die Studenten zu Kuball kommen, suchen sie dessen projektbezogenen Kontext. Dazu braucht Kuball immer Partner.

Kunst im Konzern

Die Generali Versicherung hat eine bemerkenswerte Firmensammlung in Wien, die von großer Unabhängigkeit zeugt. Kunst muss hier nicht nur repräsentativen Zwecken dienen oder muss schmerzfrei schön sein, sie darf auch kantig sein und verwirren. Am Stammsitz der Deutschlandvertretung im Kölner Bankenviertel ist im Erdgeschoss einen Raum für Experimente mit junger Kunst vorgesehen.

Die mittlerweile dritte Ausstellung unter dem Titel „Public, Private, Corporate“ kuratierten wiederum Georg Elben und Julia Höner (er hat sich als Leiter der „Videonale“ in Bonn einen Namen gemacht, sie als Kuratorin der KAI 10-Stiftung in Düsseldorf) in Zusammenarbeit mit Mischa Kuball und dem Experimentallabor MINUS1. Das Stichwort heißt „Raum“: Raum zu visualisieren im Kontext eines Versicherungskonzerns im Gegensatz zum White Cube. Der Generali Show Room ist von kühler Eleganz, zugleich ein „Transitraum“, durch den die Mitarbeiter zur Kantine gehen.

Wortfetzen weben

Celine Berger hatte in Frankreich schon ein Studium als Bauingenieurin abgeschlossen, als sie sich an Kuballs Denk-Fabrik andockte. „Values“ nennt sie das makellos gebügelte und gefaltete Hemd in Plastikfolie. Sie hat es aus den Wortfetzen gewebt, die aus geschreddertem Aktenmaterial übrig geblieben sind. Die Repräsentationswand für das Firmenlogo der Generali, den venezianischen Löwen, verteilt über 12 Monitore, hat Daniela Risch zu einem Video-Himmel mit dunklen Wolken umprogrammiert, in denen kleine Flugzeuge verschwinden. Assoziationen zur Twin Tower-Katastrophe in New York lassen sich nicht verscheuchen.

Wenn Dietmar Meister, der Vorstandsvorsitzende der Generali, in seiner Eröffnungsrede von „sperriger“ Kunst sprach, spielte er vermutlich auf das Entree an: Draußen, auf dem Bürgersteig, liegen auf einer Holzpalette gestapelt, „Stolpersteine“ mit tückischen Höckern. Mancherorts pflastert man damit Bürgersteige, um Bettler oder Radfahrer fernzuhalten.

Zarte Pflänzchen

Drinnen fesseln drei Monitore mit einer Video-Arbeit der chilenischen Künstlerin Carolina Redondo. Mühsam erkämpft sie sich den Weg durch ein Labyrinth von weißen Baumwollriemen. Frucht ihrer Erfahrung in einem fremden Land? Dagegen setzt sich Alexander Basile mit der konkreten Umgebung der Generali-Zentrale auseinander. Auf der Domplatte und an weniger prominenten Orten fotografierte er Skateboarder auf der Suche nach einem eigenen Platz. Basile registriert so die mangelnde Kommunikation in der Stadt. Immerhin will das Kulturdezernat seinen Lambda-Print von der Domplatte kaufen und im eigenen Büro aufhängen.

Wie kamen die Grünpflanzen in den coolen Show Room? Akiro Hellgardt animierte die Mitarbeiter der Generali, sich für die Dauer der Ausstellung von ihren Blumentöpfen zu trennen. Das sind zarte Pflänzchen, die mit den immergrünen Hydro-Kulturen der Zentrale auf Leasing-Basis nicht konkurrieren können.

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Oberhemd aus geschredderten Akten

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Plädoyer für die junge Kunst

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