Zeitgenössische Kunst
Saatchi setzte einen Fuß nach Frankreich

Die Saatchi Gallery Collection zeigt in Lille, wie junge Kunst aus dem Nahen Osten, aus Iran, Indien und China aussieht. Für den Großsammler und Trendsetter ist das wie immer vor allem ein strategischer Schachzug. Denn in Großbritannien hat sich Charles Saatchi kürzlich eine Abfuhr eingehandelt. Der französische Markt boomt, die ersten Groß-Galeristen lassen sich hier nieder.
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LILLE. Der englische Mega-Sammler, Trendsetter, Galerist und Werbefachmann Charles Saatchi (67) stellt sechzig großformatige Exponate aus der "Saatchi Gallery Collection", sprich aus seinem Kunstdepot, in der nordfranzösischen Stadt Lille aus. Unter dem Titel "Die Seidenstrasse" evoziert Saatchi den 8.000 Kilometer langen Weg, den einst die Seidenhändler von Europa nach China nahmen. Der Genfer Galerist Pierre Huber hatte den Begriff "Seidenstrasse" Anfang unseres Jahrhunderts bereits für seine Kunstankäufe von Indien bis China gebraucht.

Lille hat sich mit Kunst profiliert

Saatchi gelingt mit dieser großzügig aufgezogenen Schau, die über drei Geschosse des früheren Postsortiergebäudes "Tri postal" in Lille verteilt ist, ein strategischer Schachzug. Denn mit der "Seidenstrasse" setzt Saatchi einen Fuß nach Frankreich. Seine Galeristen-Kollegen Larry Gagosian und Guy Pieters sind bereits da. Auch Saatchi rückt dem derzeit boomenden französischen Kunstmarkt auf den Leib. Offiziell beteuert Galerieleiter Nigel Hurst, die Ausstellung sei eine Gelegenheit, der contemporary art aus der Saatchi Collection ein breiteres Forum zu bieten. Dafür ist die Kulturstadt Lille effektiv prädestiniert. Sie hat sich mehrfach mit kulturellen Initiativen bzw. herausragenden Ausstellungen unter der sozialistischen Bürgermeisterin Martine Aubry profiliert. Im Jahre 2007 zeigte Frankreichs Mega-Sammler François Pinault erstmals seine Video-, Film- und Fotosammlung im "Tri postal" in Lille. Saatchi ist seinerseits für die Stadt von Interesse, weil er früh in junge Kunst investiert, legendär bei den Young British Artists, und sie dann weltweit zu Superstars hochhievt. Seither gelten seine Entdeckungen als Richtung weisend. Anfang 2009 präsentierte die Saatchi Gallery in London mehrere iranische Künstler, unmittelbar vor der Pariser Galerie von Taddäus Ropac.

Nichts Neues für Szenekenner

Entsprechend der hohen Erwartungen ist die Enttäuschung in Lille umso größer, denn die Kunstfans kennen die stärksten Werke aus dem Nahen Osten, dem Iran, Pakistan, Indien und China bereits. "Ghost" von Kader Attia z.B. ist eine Ansammlung von identischen, gebückt hockenden Aluminiumgestalten, anstelle eines Gesichtes nur mit einem schwarzen Loch versehen. Sie erinnern an demütig Betende. Man sah sie erstmals vor drei Jahren in Reims im Champagnerkeller der Firma Pommery. Den "Teheran Prostituts", Stoffpuppen in grell provokanter Körperhaltung der Iranerin Shirin Fakhim, ist man schon im Februar 2009 in der Galerie Ropac begegnet. Auch die einprägsame Fotoserie "Like Everyday Series" der Iranerin Shadi Ghadirian von total Verschleierten, deren Augenschlitze durch ein Haushalts- oder Küchenutensil verdeckt sind, kennt man bereits.

Grausame Schönheiten

Wesentlich ästhetischer, dafür umso grausamer, geht die im Irak geborene und in den USA lebende Hayv Kahraman vor: sie stellt Frauen dar, die aus einem Mix von japanischen Holzschnitten und Renaissance-Charakteristika entstanden. Mit spitzen Fingern töten sie zarte Vögelchen: "Collective Cut". Oder servieren sie - à la Salome - nur deren Köpfchen auf einem Tablett: "Heads On Plate".

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