Zeitgenössische Kunst: Träger Stoffhase

Zeitgenössische Kunst
Träger Stoffhase

Cosima von Bonin hat ein Faible für besondere Stoffe und faule Geschöpfe. In Köln bespielt sie das Museum Ludwig mit einem Gesamtkunstwerk, das auch die Filme und Videos anderer Künstler integriert.
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KölnIm großen Oberlichtsaal des Kölner Museum Ludwig, auch „Heldensaal“ genannt, wurden einst die Bilder der Nachkriegs-Malerfürsten wie Georg Baselitz oder Markus Lüpertz diskutiert. Jetzt räkeln sich träge Hasen oder eine lethargische Riesenkrake auf weichem Polster. Dazu trommelt es aus versteckten Inseln, ein elektronischer Sound von Moritz von Oswald. Der Besucher auf der Galerie muss sich aus der Vogelperspektive erst einmal zurechtfinden, denn Cosima von Bonin hat ein Gesamtkunstwerk installiert, das aus sechs bis zu fünf Meter hohen Tischen besteht. Sowohl auf wie unter den Tischen kommt es zu Begegnungen der grotesken Art.

Von Bonin, 1962 in Mombasa geboren und seit 1986 in Köln beheimatet, macht alles zu Kunst, wie einst ihr Förderer Martin Kippenberger, der 1997 mit 44 Jahren viel zu früh gestorben ist. Zu spät geboren für den Siegeszug von Deutschlands „Malerfürsten“ blieb Kippenberger nichts übrig, als mit dem zu arbeiten, was die Vorgänger-Generation ihm übergelassen hatte. Doch sei es erstaunlich, hieß es in einer Rezension seiner großen Retrospektive 2009 in New York, was er „in seinem kurzen Leben aus den Funden vom abgefrühstückten Kunstbuffet der Moderne zu zaubern vermochte.“ Das hat Cosima von Bonin geprägt.

Lob der Faulheit

Der Blick von der Galerie im Museum Ludwig fällt zuerst auf den größten Tisch mit einem rotierenden Aufsatz namens „Lazy Susan“. Diese „Faule Susanne“ bezeichnet im Englischen einen Tischaufsatz mit drehenden Speisen, der die Hausfrau entlasten soll. Auf diese Scheibe postiert die Künstlerin ihre Geschöpfe, im Mittelpunkt der „Purple Sloth Rabbit“ (2010), ein Hase mit Schlappohren, der liegend, den Blick auf seine Fußsohlen lenkt, die mit dem Wort “Sloth“, also „Trägheit“ bestickt sind.

Das Lob der Faulheit setzt sich fort von Tisch zu Tisch. Auch vor Hütten auf hohen Holzgestellen dösen Hasen aus weichem Stoff mit Beardsley-Motiven. Ausgestopfte Zeichentrick-Figuren hängen erschöpft an einer Stange, „Thrown out at Drama School“, aus der Schauspielschule geflogen sind die drei Unglücksraben. Steigt der Besucher die schmale Treppe hinab, entdeckt er an den Wänden die Stoffbilder der Künstlerin, ein Stoff-Mix mit applizierten Polsterungen und oft auch Stickereien mit witzigen Anmerkungen. Von Bonin beschäftigt damit eine Näherinnen-Riege in ihrem Atelier.

Die jüngsten Stoffbilder hat von Bonin mit ihrem Musiker-Freund Moritz von Oswald in Teamwork produziert, nachdem beide festgestellt hatten, dass sie ein Faible für besondere Stoffe haben. Das Großformat „The Bonin/Oswald Empire`s Nothing“ (2010), auf weißem Sockel fixiert, hat die Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig dem Haus geschenkt, der Preis wird nicht verraten.

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