Zeitgenössische Kunst
Wenn der Champagner Töne produziert

Mit Klangkunst macht Pommery seine Keller jedes Jahr erneut zu einer Attraktion. Für viele junge Künstler ist der Auftrag des Champagner-Herstellers ein Karriere-Sprungbrett.
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ReimsNicht ganz wie bei Jules Vernes 20.000 Meilen unter den Meeren, aber immerhin 50 Meter unter der Erde, tappen die Besucher in den labyrinthischen Gängen des Champagner-Kellers Pommery in Reims ziemlich im Dunkeln. Sie folgen einer kilometerlangen Kunst-Präsentation zwischen 20 Millionen gelagerten Champagner-Flaschen. Lichtstrahlen und laut schallende Töne geleiten von einem Werk zum nächsten. Der unterirdische Kunst-Weg konzentriert sich auf Werke, die Kunst und Klang verbinden. Daher der Titel dieser ungewöhnlichen Veranstaltung "La Fabrique Sonore, Expérience Pommery # 9".

Karriere-Sprungbrett für Künstler

Seit 2003 wählen die Pommery-Eigentümer Nathalie und Paul-François Vranken jedes Jahr einen oder zwei junge Kuratoren und ein Motto aus. Sie finanzieren die speziell für die Keller-Ausstellung produzierten Werke und erwerben gleichzeitig die Arbeiten. Auf lange Sicht ein gutes Investment. Für viele der eingeladenen Künstler dient die unterirdische Kunsterfahrung als endgültiges Sprungbrett in die internationale Szene. Sie öffnet Türen zu Sammlungen, Artikel in Fachzeitschriften und zum Kunstmarkt. Das gilt auch für die jungen Kuratoren, die in der französischen Szene bereits bekannt sind. Die „Experience Pommery“ verschafft ihnen mehr Öffentlichkeit.

Die aktuelle Ausstellung haben Claire Staebler und Charles Carcopino organisiert. Staebler, circa 30 Jahre alt, war im Pariser Museum für zeitgenössische Kunst, „Palais Tokyo“, tätig und zählt zum Team von Okwui Enwezor, der die Paris-Triennale 2012 vorbereitet. Sie und ihr auf Video und Musik spezialisierter Kollege Charles Carcopino wählten für den bis 31. März 2012 laufenden Champagnerkeller-Kunst-Spaziergang knapp 30 junge Künstler aus.

Die Formate der Werke, ihre Form und ihre Inhalte sind völlig verschieden. Es gibt mobile Installationen und Skulpturen, die mit Video und Ton gekoppelt sind. Mal sind sie spielerisch, mal aggressiv oder langweilig. Es gibt amüsante, unheimliche und zu laute Arbeiten. Andere sind musikalisch oder nehmen Auge und Ohr gleichzeitig gefangen.

Chor aus Totenköpfen

Eine der Installationen, die am meisten anspricht, befindet sich in einem der 50 Meter hohen, runden Kellergewölbe. Der 31-jährige Schweizer Robin Meier und sein iranischer Musiker-Kollege Ali Momeni bauten einen Riesenlautsprecher aus geometrischen grau-weißen Aluminiumteilen. Im Inneren des Lautsprechers steht ein Reagenzglas mit sanft sprudelndem Champagner. Ein Mikrofon pendelt über dem Glasbehälter und überträgt die leisen Sprudeltöne in den Riesenlautsprecher, eine Arbeit, die ästhetisch und phonetisch überzeugt.

Für Menschen mit Hang zum schwarzen Humor entwarfen der 27-jährige Franzose Théo Mercier und sein Musiker Colin Johnco einen „Chor“ aus Totenköpfen. Von innen rot beleuchtet bewegen sich Kinn und rote Zungen der Totenschädel und stimmen ein Lied an: „Rotes Kreuz und schwarze Elle, lügst du, kommt du in die Hölle“. Spielerisch vermischt Mercier das Vanitas-Thema mit Jahrmarkt-Elementen.

Théo Mercier, einst Mitarbeiter im Atelier von Matthew Barney, ist kein Unbekannter mehr. Auf der letzten Kunstmesse Fiac war es der Top-Sammler Antoine de Galbert, der Merciers Mega-Mann aus Spaghetti sofort erwarb. Die Skulptur ist derzeit im Berliner „me Collectors Room“ von Thomas Olbricht zu sehen, wo die Sammlung Galbert gastiert.

Besucherzahlen verdoppelt

Auch die Schweizerin Delphine Reist (Jahrgang 1970) amüsiert und verunsichert mit ihrer Arbeit. Wenn Besucher erscheinen, marschieren plötzlich mehrere Paare Gummistiefel lautstark in einem schmalen Seitengang des Kellers. Der Geist des Champagners animiert die Stiefel zu einer Schritt-Choreografie.

Für das mäzenatisch engagierte Unternehmer-Paar Vranken lohnt sich die Kunstinitiative, denn die Besucheranzahl in den Kellergewölben von Pommery hat sich seit den Kunst-Präsentationen verdoppelt. Die 1976 gegründete Gruppe Vranken-Pommery Monopole ist seit 1998 an der Börse notiert und – vom Umsatz her - der zweitgrößte Champagner-Hersteller. Im Vorjahr setzte die Gruppe 364,4 Millionen Euro um und verbesserte sich im Verhältnis zu 2009 um 35,1 Prozent. Sie zählt zu den im Kunstmilieu aktiven Mäzenen und führt mit ihrer Sammlung die seit 130 Jahren bestehende Kunsttradition des Hauses Pommery fort.

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