Zeitgenössische Kunst
Wenn McDonald’s untergeht

Die Ressourcen werden knapper, Wachstum muss heute nachhaltig und sozial verantwortlich sein. Welche Sinn-Bilder finden Künstler dafür? Dem spüren drei Ausstellungen nach.
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DüsseldorfEs ist ein Kampf um Hundertstelsekunden, ein Kampf gegen der Absturz. Auf dem Chicagoer Börsenparkett reagieren die Rohölhändler und Börsianer beim Zusammenbruch der Bear Sterns Bank in wilder Raserei auf die drastischen Kursschwankungen. Der in Amsterdam lebende Multimedia-Künstler Mark Boulos schneidet in seiner Zwei-Kanal-Installation ein anderes Bild vom Kampf dagegen. Nigerianische Fischer kämpfen erbittert gegen Ölmultis. Die Ölförderung hat statt der versprochenen Verbesserungen nur Wasserverschmutzung und die Verschlechterung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen gebracht.

Der Club of Rome hatte schon 1972 die Grenzen des Wachstums beschrieben. Doch die Ausbeutung aller Ressourcen hat in den zurückliegenden vierzig Jahren eher zu- als abgenommen. Die daraus entstehenden Verteilungskämpfe und Verwerfungen reizen Künstler von heute, darauf zu reagieren: Sei es indem sie Sinnbilder schaffen, sei in dem sie aufrütteln oder aufklären wollen. Die unter die Haut gehende Video-Installation von Bouklos ist Teil einer aktuellen Ausstellung im Kunstverein der Bankenstadt Frankfurt am Main. Das Thema könnte politisch und philosophisch nicht aktueller sein: „Über die Metapher des Wachstums“. Der bislang in der Kunstszene wenig beachtete Motivkreis wird mit einem Katalog für die drei Beiträge der Kunstvereine Frankfurt/Main, Hannover und Basel Land aufgerollt. Die Institutionen hatten einen Künstlerpool gebildet und je nach den räumlichen Möglichkeiten ihre eigene Ausstellung zusammengestellt.

McDonald’s geht unter

Der Untergang der Ölplattform Deepwater Horizon und die Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima haben jüngst sehr deutlich bewiesen, dass rein ökonomisch getriebenes Wachstum an sein Ende gekommen ist.  Dass Wachstum und Umwelt nicht mehr losgekoppelt voneinander betrachtet werden können. Welche Bilder finden die Künstler? Wollen sie neutral informieren oder ergreifen sie Partei?

Um es vorweg zu nehmen, sie ergreifen Partei, schüren Emotionen und bringen den Betrachter bisweilen auch mit Humor zum Nachdenken. So hat die dänische Künstlergruppe Superflex eine McDonald’s Filiale nachgebaut und geflutet bis alle Pappbecher und Verpackungen auf der spiegelglatten Oberfläche dahinsegeln. Der Betrachter sieht den Untergang einer Marke und assoziiert abgeholzte tropische Regenwälder für die Rinderfarmen dieses rigoros agierenden Burgerbraters. 

Ständig wachsende Kunstdünger-Kristalle sind das Mittel mit dem das Künstlerduo Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger Bilder zum Nachdenken schafft. In „The Conference“ wuchern pinkfarbene Kristalle über Laptops und Wassergläser eines akurat nachgebauten Konferenztisches. Die Natur holt sich zurück, was ihr am grünen Tisch geraubt wird.

Bedrohlicher Teig

Um Wertschöpfungsprozesse geht es der in New York lebenden Argentinierin Mika Rottenberg. Ihr Video „Dough“ zeigt wie eine nicht endende Teigwurst durch die Decke eines winzigen Raumes fließt. Wie dieser quasi märchenhafte Teig dort von einer schwergewichtigen Frau in Handarbeit geknetet wird und den Raum dann unten wieder verlässt. Der Film von 2006 ist zugleich komisch, bedrohlich und surreal.

Aufgegeben hat sich – vermutlich in der Weltfinanzkrise - ein Banker in dem Beitrag des Berliner Künstler-Duos Bankleer. Deren Protagonist hängt schwebend unter der Zimmerdecke, den Kopf schon halb hinein gerammt. So hoch gekommen ist der Mann nur, indem der Anzugträger den Drehsessel und Folianten auf den Schreibtisch stellte.

Konsumsucht befeuert die Bilanzen der Luxusgüterindustrie und tötet für einen Moment jedenfalls die Langeweile. Hier setzt die Schweizer Konzeptkünstlerin Silvie Fleury an. Sie hat einen handelsüblichen Mülleimer aus einem Maschennetz in 24 Karat Gold lackieren lassen. Kunst, der man kaum ansieht, dass es Kunst ist. Nur eine kleine Beule verrät, dass auch Luxusshopper mal einen Schlag wegstecken müssen.

„Über die Metapher des Wachstums“

Kunstverein Hannover bis 26.Juni 2011

Frankfurter Kunstverein bis 31.Juli 2011

Kunsthaus Basel Land in Muttenz bis 10.Juli 2011

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