Zeitgenössische Plastik
"Bloß nichts ausstellen, sondern abstellen"

Zeitgenössische Skulpturen haben ihren Platz schon lange nicht mehr nur auf Sockeln. Sie erobern andere Kunstmedien und dringen in den Raum des Betrachters vor. Unter diesem Aspekt hat Münchens Pinakothek der Moderne ihren Bestand sondiert. Werke von 20 Künstlern zeigen die große Bandbreite der künstlerischen Ansätze.
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MünchenEine Herausforderung ist sie, die große Spiegelwand von Heimo Zobernig, die den Ausstellungsbesucher in Münchens Pinakothek der Moderne begrüßt. Genieße ich meinen Anblick oder macht er mich nervös und veranlasst mich, hektisch weiter zu gehen? Auf jeden Fall muss der Betrachter auf das unbetitelte, 1999 entstandene Werk reagieren. Es zwingt ihn, sich mit Mechanismen der Wahrnehmung auseinanderzusetzen. Das Werk nimmt eine Schlüsselposition ein, und zeigt exemplarisch den Ansatz der Ausstellung, die sich der Skulptur der Gegenwart widmet.

20 internationale Künstlerinnen und Künstler zeigen mit verschiedenen Medien und Materialien die große Bandbreite, die der Begriff „Skulptur“ heute umfasst. Kurator Bernhart Schwenk präsentiert eine Auswahl von Werken aus der Sammlung der Pinakothek, bei der es „um die Grammatik des Sehens und Zeigens“ geht.

"Soziale Plastik"

Die Gemeinsamkeit der Arbeiten ist der Bezug zum Readymade oder der sozialen Plastik im Beuys’schen Sinne. Marcel Duchamp konzipierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die „Readymades“ – industrielle Alltagsobjekte, die er im Kunstkontext platzierte – und stellte damit die Definition dessen, was eine Skulptur ist, in Frage. Joseph Beuys erweiterte den Skulpturbegriff in den sozialen Raum. Sein anthropologischer Kunstbegriff, der auf eine Formung der Gesellschaft abzielt, begreift das Denken, Sprechen und Tun als „soziale Plastik“ und bezieht auch die kreative Tätigkeit des ‚Nicht-Künstlers‘ mit ein. Ein Ansatz, der sich bei Roman Ondáks sehr poetischer Installation „Passage“ ablesen lässt.

Was formen Menschen aus dem gleichen Stück Metallpapier? Ondák startete den Versuch 2004 und überließ rund 500 japanischen Fabrikarbeitern eine Schokoladentafel. Sie knüllten die Aluminiumfolie zu den unterschiedlichsten Miniaturskulpturen, von der Blume, die ihren Blütenkopf in die Höhe reckt, über kleine filigrane Kraniche, Regenschirme und Männchen bis zu abstrakten Formen, bei der das Material dicht zusammengepresst ist. Ein leises Plädoyer für die Individualität.

Die Ausstellung kommt ohne Inszenierungen aus, ohne Überhöhung und das „auf Sockel setzen“ der Kunst. „Bloß nichts ausstellen, sondern abstellen“ fordert Manfred Pernice. Mit seinen sperrigen Objekten aus bemaltem Sperrholz schafft er einen Raum im Raum, den eine geheimnisvolle Aura umgibt und dessen Bemalung an die bunten Kacheln in U-Bahnhöfen erinnert.

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