Zensur in China Zensur in China: „Der Ehre des Landes abträglich“

Seite 2 von 2:

Liao Yiwus Fall ist anders. Sein Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ ist gar nicht in China erschienen, sondern über Taiwan und die USA nach Deutschland gelangt. Der 51-jährige Autor aus Sichuan steht in China unter Beobachtung. Vor ein paar Tagen machte er Schlagzeilen, als er mitteilte, dass ihn die Staatssicherheit nicht nach Deutschland fliegen lasse. Liao Yiwu hat sich auf eine Art Oral History spezialisiert: In seinem Buch protokolliert er Gespräche mit „underdogs“ in der Provinz, mit Totengräbern, Bettlern und „Rechtsabweichlern“. Literarische Qualitäten hat das nicht, doch die O-Töne eines anderen Chinas sind eine hochspannende Informationsquelle.

Auch mit „Fräulein Hallo“ spricht Liao Yiwu. Die 18-Jährige aus einer Diskothek in Chengdu ist der Prototyp des „neuen Menschen“, der in fast allen Werken der jüngeren chinesischen Schriftsteller auftaucht: konsum- und sexsüchtig, unpolitisch, ahistorisch und ohne Wertesystem. „Wenn ich Lust dazu habe, tue ich es, wenn nicht, nicht. Das ist das Gleiche wie mit dem Einkaufen und dem Färben der Haare“, sagt „Fräulein Hallo“. Aufgewachsen sei sie vor dem Fernseher. Sie ist damit eine Schwester im Geist der Protagonisten aus Zhu Wens Erzählungsband „I love Dollars“ und Mian Mians Roman „Panda Sex“. Beide Bücher haben weder sprachlich noch stilistisch die Fallhöhe von Yan Lianke, doch sie schildern im Reportagestil das neue Lebensgefühl der „Kinder der Reform- und Öffnungspolitik Deng Xiaopings“. Und beide Autoren hatten Schwierigkeiten mit der Zensur: „I love Dollars“ wurde weder rezensiert noch nachgedruckt und nur als Raubkopie oder im Netz verkauft. Die Zensur gegen die „Skandalautorin“ Mian Mian wurde erst 2002 aufgehoben – vielleicht weil die Behörden einsahen, dass das Thema wilde Jugend Geld bringt und doch nicht „der Ehre des Landes abträglich“ ist. Der Ehre der Schriftsteller schon, meint Yan Lianke: „Den Jungen widerstrebt es, über soziale Probleme zu schreiben, die haben das verlernt.“ Er habe nicht damit gerechnet, dass sein eigener Roman solche Kontroversen auslöse. Zur Buchmesse kommt er nicht. Aber er habe jetzt einen Job an der Volksuniversität.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

0 Kommentare zu "Zensur in China: Zensur in China: „Der Ehre des Landes abträglich“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%