Zensur in China
Zensur in China: „Der Ehre des Landes abträglich“

In China werden sie zensiert, in Deutschland gedruckt: Neue Bücher zeigen die anderen, nichtoffiziellen Facetten der Volksrepublik China. Das Regime reagiert mit Druck: Ist ein Werk „der Ehre des Landes abträglich“, wird es eingestampft. Die Tabuliteratur der chinesischen Gesellschaft feiert im Ausland Erfolge.
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PEKING. Taiwan, Tibet, Falun Gong – das sind die Tabuthemen für chinesische Autoren. Wer darüber schreibt, wird zensiert. Und darf nicht zur Buchmesse nach Frankfurt kommen, jedenfalls nicht mit der offiziellen Delegation des Gastlandes China. „Wir wollen keine Leute in Frankfurt haben, die Chinas Einheit und Stabilität gefährden“, sagt Wu Shulin mit Nachdruck. Der Vizedirektor der chinesischen Regierungsbehörde GAPP (General Administration of Press and Publication) beruft sich auf die Verfassung. Die garantiere aber auch Meinungs- und Veröffentlichungsfreiheit, im Übrigen könne jeder Autor privat nach Frankfurt fahren, aber: „Das nationale Interesse kommt immer zuerst.“

Tabu ist auch der Aids-Skandal in der Provinz Henan, den die Behörden lange verschwiegen. In den 90er-Jahren infizierten sich ganze Dörfer mit dem Virus: Es war ein blühender Handel mit Blutspenden gegen Geld entstanden, bei dem sämtliche hygienischen Schutzmaßnahmen außer Acht gelassen wurden. Und doch hat Yan Lianke den Aids-Skandal zum Thema gemacht. Sein Roman „Der Traum meines Großvaters“ wurde 2007 in China gedruckt, dann aber sofort von seinem Schanghaier Verlag zurückgezogen. In Deutschland ist er in jeder Buchhandlung zu haben – das Manuskript erhielt der Verlag über Umwege von einem französischen Verlag, der Yan Liankes Weltrechte hat.

Die Zensur in China funktioniert so, erklärt im Vorwort Übersetzer Ulrich Kautz: Wenn ein Werk „der Ehre des Landes abträglich“ ist, darf es nicht erscheinen. Der Verlag muss das Buch dann auf eigene Kosten einstampfen. Mit den Jahren habe sich eine Art Schere im Kopf entwickelt, eine Selbstzensur aus ökonomischen Gründen, noch bevor die Werke der Behörde vorgelegt werden. Wenn man die Tabuthemen umgehe, könne man alles publizieren. Außerdem ist fast jedes verbotene Werk bei fliegenden Händlern auf der Straße zu bekommen, gedruckt in Hongkong oder Taiwan.

Yan Lianke bestätigt das. Der 51-Jährige wirkt nicht frustriert oder bedroht, sondern schaut eher amüsiert auf die ausländischen Journalisten, die den zensierten Autor im Allsages Bookstore in der Nähe der Peking-Universität ausfragen. „So schlimm ist die Zensur nicht mehr, sie ist lockerer geworden“, sagt er. „Statt auf Bücher schauen die Behörden nun viel stärker auf Fernsehen und Filme.“ Er aber habe das Buch schreiben müssen, das Thema habe ihm auf der Seele gelegen.

Yan Lianke stammt aus Henan, hat auf vielen Reisen dorthin die Menschen zum Aids-Skandal befragt. „Dieses Fieber, das ursprünglich nur Ausländer, Städter und Menschen mit lasterhaftem, ausschweifendem Lebenswandel befallen hatte, gab es nun auch in China, auch in den Dörfern, und es befiel auch Menschen mit untadeligem Lebenswandel. Und zwar massenhaft – wie ein Heuschreckenschwarm, der auf den Feldern nichts übrig lässt“, sagt der Großvater im Roman. Das sind natürlich Sätze, die dem Zensor nicht gefallen. Das Buch besticht trotz des tragischen Themas durch Spannung, Poesie und eine literarisch ausgefeilte Sprache. Die Lektüre ist ein Vergnügen – der mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnete Yan Lianke kann es einfach.

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