Zensur
Stalin darf nicht weinen

Es war ein wenig still um die künstlerische Zensur in China. Nun hat es mit Via Lewandowsky einen deutschen Künstler getroffen: Eine seiner Installationen ließ ein Abbild Josef Stalins weinen – ein Gemütszustand, der den Zensoren offenbar zu weit ging.

PEKING. Die ersten Herren kamen bereits am Tag nach der Eröffnung. Die Zensoren des lokalen Kulturbüros aus Peking waren freundlich, wenn auch wenig interessiert an Avantgarde und Abstraktem. Sie räumten das aus einer roten China-Fahne genähte Kissen in der Ausstellung einfach weg. Auf das kleine Kunstwerk hatte der deutsche Installationskünstler Via Lewandowsky noch den Deckel einer chinesischen Teetasse gelegt – und eine tote Fliege.

Kunstfreiheit hin oder her, das gehe zu weit, so die Beamten. Das Kunstwerk sei eine „Verunglimpfung der chinesischen Fahne“, erklärten die Männer der Zensurbehörde. Lewandowsky ließ sich darauf ein. Als Kompromiss. Denn er habe bei seiner Installation nicht im Traum daran gedacht, Chinas Flagge in irgendeiner Form zu beleidigen.

Trotz des Zugeständnisses ist die Ausstellung „Erinnerung an einen Fortschritt“ inzwischen aber komplett dicht gemacht worden. Denn auf der mit einem chinesischen Künstler gemeinsam inszenierten Ausstellung, die unter anderem das Goethe-Institut organisiert und deutsche Firmen finanziert hatten, erregte noch ein Lewandowsky-Kunstwerk den Unmut der Zensoren. Der 44-jährige Deutsche hatte ein Stalin-Plakat mit Wasserpumpe und Plastikeimer so installiert, dass dem sowjetischen Diktator die Tränen nur so aus den Augen spritzten. Titel: Als Stalin weinte.

Da auch die „Verunglimpfung bedeutender historischer Persönlichkeiten“ in China verboten ist, rückte die Kunst-Polizei erneut an. Die Ausstellung im Pekinger Kunstbezirk „798“, musste vorzeitig ihre Pforten schließen.

Das war’s dann mit dem deutschen Beitrag zur großen 50-Jahr-Feier. Denn der Bezirk „798“ war 1957 vor den Toren Pekings als Rüstungsfabrik von DDR-Ingenieuren in kommunistischer Bruderschaft aufgebaut worden. Heute sind in den meisten alten Fabrikhallen internationale Galerien und Künstler-Ateliers zu finden, der „798 Dashanzi Art Distric“ ist ein buntes und beliebtes Touristenziel. Doch was nur wenige Besucher mitbekommen: Hier werden regelmäßig Bilder abgehangen, etwa wenn es um kritische Mao-Portraits geht.

Er habe sich wieder wie früher gefühlt, so der in Dresden geborene Lewandowsky leicht frustriert: „Es war so, als sei ich wieder von DDR-Funktionären umgeben.“ Und so stießen die Versuche, seine Kunstwerke zu erklären, bei den chinesischen Zensoren auf taube Ohren. Er habe mit der toten Fliege doch nur an die „Vergeblichkeit menschlichen Strebens“ erinnern wollen, sagt der heute in Berlin lebende Künstler. Doch Lewandowsky musste in China die Vergeblichkeit der künstlerischen Kraft erkennen – und einpacken.

Vielleicht liegt der Grund weniger in der Fliege auf der Fahne, sondern im momentan angespannten deutsch-chinesischen Verhältnis. Dass Kanzlerin Angela Merkel trotz chinesischer Proteste den Dalai Lama empfangen hat, verärgert noch immer das politische Peking. Zudem zeigt der Fall, dass die Führung ein Jahr vor Olympia und kurz vor dem 17. Parteitag keine kritische Stimmen wünscht.

So wird in China aus einer harmlosen Fliege schnell ein politischer Elefant. Und Stalin darf nicht mal weinen. Eigentlich zum Heulen.

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