Zeruya Shalev : Späte Familie
Innenansicht einer verletzten Seele

Wer tut sich ein solches Buch an? Hunderte Seiten Angst, Zweifel, Depression, Schuldgefühle, Missgunst, Neid, Ärger, Verzweiflung, Enttäuschung, Einsamkeit, unterbrochen nur von ein paar Dutzend Passagen voller Hoffnung, Befreiung, überschäumender Liebe, Glück, die ebenso unvermittelt wieder im Meer der schlechten Gefühle ertrinken, wie sie aufgetaucht sind.

HB FRANKFURT."Späte Familie" ist das Protokoll der Gedanken und Gefühle von Ella, der Mittdreißigerin, die ihre Ehe beendet und so eine Familie zerstört. Zeruya Shalev, die israelische Erfolgsautorin, erzählt nichts, kein "sagte er" oder "ging sie", kein Anführungszeichen schafft Distanz und erweckt den Anschein von Objektivität und Klarheit. Nur Ella denkt, fühlt, redet, hört und sieht, offenbart dabei ihre seelischen Nöte und unerfüllten Bedürfnisse, lässt ahnen, welche nie verheilenden Wunden ein kalter, abweisender Vater und eine diesem servil ergebene Mutter in ihre kindliche Seele geschlagen haben.

Hin und wieder bricht von ferne eine fremde Subjektivität in Ellas Seelenwelt ein, erinnert sie und uns daran, dass es noch andere Sichtweisen gibt, etwa wenn sie sich mit ihrem Mann Amnon streitet oder mit ihrer neuen Liebe Oded, dem Vater des besten Freundes ihres Sohnes.

Die zögernde Ella lässt sich von Oded überreden, aus den Resten ihrer Familien schnell eine neue zusammenzufügen, muss dann aber feststellen, dass er den konkurrierenden Ansprüchen seiner Partnerin und seiner Kinder ebenso hilflos gegenübersteht wie sie selbst. Ella scheint die Fähigkeit zum Glück nicht zu haben, scheint es sich nicht zu gönnen, zerstört es sofort wieder mit ihrem Misstrauen.

Man weiß zwar, dass es im realen Leben keinen Anspruch auf ein Happy End gibt, aber kleine Erfolge und kurze Momente des Glücks halten die Hoffnung bis zum Ende wach. Die einzigartige Ästhetik der Sprache ist ein wichtiger Grund, dieses Buch zu lesen. Den anderen erklärt Oded, ein Psychiater, als er gefragt wird, ob ihm die schwierige Lage in Israel sein Geschäft belebt. Im Gegenteil, erklärt er, seine Patienten empfinden es als Erleichterung, wenn im ganzen Land depressive Stimmung herrscht. Sie fühlen sich dann weniger unzulänglich. Der schonungslose Blick hinter die Kulissen des allseits zur Schau gestellten Familienglücks hat die gleiche, pervers-wohltuende Wirkung. Der Druck, glücklich sein zu sollen, wird gemildert. Das macht es leichter, glücklich zu sein.

Am Ende verzweifelt Ella nicht mehr an der Abwesenheit des vollkommenen Glücks und ist dadurch in der Lage, an ihrem unvollkommenen Glück zu arbeiten. Jedenfalls darf man das hoffen.

ZERUYA SHALEV: Späte Familie Berlin Verlag, Berlin 2005, 584 Seiten, 22 Euro

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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