Zu Thomas Manns 50.Todestag läuft die Forschung um den Nobelpreisträger auf Hochtouren
„Wo ich bin, ist die deutsche Kultur“

Thomas Mann war eine Diva. Einer, der sich als Nachfolger Goethes sah und wie dieser einen exklusiven Platz nicht nur in der Welt der Literatur beanspruchte. Vor fünfzig Jahren, am 12. August 1955, ist der wohl bedeutendste deutsche Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts im schweizerischen Kilchberg gestorben.

HB BERLIN. Die Thomas-Mann-Forschung produziert in diesem Jahr unermüdlich Bücher, Festschriften und Aufsätze über Leben und Werk des Schriftstellers. Stets hatte der 1875 in Lübeck geborene Patriziersohn, der 1929 für seinen Debütroman "Buddenbrooks" den Nobelpreis bekam, auch wegen seiner homosexuellen Neigungen und dem Hang zum Geniekult die Phantasien seiner Leser beflügelt. Es heißt, Thomas Mann und die seinen hätten dieselbe Bedeutung für Deutschland wie die Kennedys für Amerika.

Manfred Görtemaker hat dem Autor zu dessen fünfzigsten Todestag die Studie "Thomas Mann und die Politik" gewidmet. Sehr genau analysiert er die Diskrepanz zwischen den öffentlichen Auftritten Thomas Manns und seinen Äußerungen in Tagebüchern. Denn der fühlte sich in der Politik nie heimisch, wie er in einem Brief an seine amerikanische Vertraute Agnes Meyer schrieb: "Ins Politische bin ich einzig und allein durch die Umstände getrieben worden, sehr gegen meine Natur und meinen Willen."

Der junge, nur der Ästhetik verpflichtete Autor der Künstlernovellen "Tonio Kröger" und "Tod in Venedig" hatte sich im Ersten Weltkrieg zu dem chauvinistischen Gesinnungsbuch "Betrachtungen eines Unpolitischen" hinreißen lassen, wandelte sich aber in der Weimarer Republik zähneknirschend zum "Vernunftrepublikaner". Erst spät und vor allem auf Drängen seiner Kinder Erika und Klaus wandte er sich öffentlich gegen den Nationalsozialismus, um dann jedoch konsequent seine moralische Autorität gegen Hitler einzusetzen. So forderte er die Deutschen von Kalifornien aus in BBC-Radiobeiträgen zur Abkehr vom Nationalsozialismus auf.

All dies ist interessant, aber nicht neu. Manfred Görtemakers Politikbegriff ist eng gefasst. Dass politisches Denken auch Wurzeln in der Geistesgeschichte hat, gesteht er Thomas Mann nicht zu. Er sieht den weltberühmten Autor des "Zauberbergs" nicht im Kontext anderer Intellektueller seiner Zeit. Auch Thomas Manns umstrittene Haltung zum Judentum wird kaum angesprochen.

Schwerer wiegt, dass er Thomas Mann den Emigrantenbonus aberkennt. Dabei konnte, wer im fernen Amerika saß, nicht im Detail wissen, was im Dritten Reich vor sich ging. Fast grotesk wirkt der Vorwurf, selbst der Abschluss des "Joseph"-Romans habe nicht dazu geführt, "dass Thomas Mann sich nun in größerem Umfang als bisher politischen Dingen zugewandt hätte".

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