Zweite Auflage der Autobiografie erschienen
Grass verzichtet auf Görlitzer „Brückepreis“

Der Schriftsteller Günter Grass verzichtet endgültig auf den Internationalen Brückepreis von Görlitz/Zgorzelec. Die Jury des Preiskomitees, dem deutsche und polnische Mitglieder angehören, bedauerte diese Entscheidung.

HB GÖRLITZ/LÜBECK. Die bestätigte am Donnerstag das Sekretariat des Nobelpreisträgers in Lübeck.

„Ich bedaure das. Mir steht es aber nicht zu, ihn zu überreden“, sagte Jury-Präsident Willi Xylander nach der Absage. Er habe ein 30 Minuten langes Gespräch mit dem Dichter geführt und ihm dabei die Situation in Görlitz erklärt. „Wir haben viele Zuschriften erhalten. Dabei gab es fast 100 Prozent Zustimmung, Günter Grass den Preis zu verleihen.“ Auch die polnischen Vertreter in der Jury seien für Grass gewesen.

Unterdessen ist Grass' Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ zu einem Bestseller geworden. Die erste Auflage von 150 000 Exemplaren sei bereits kurz nach der Veröffentlichung ausverkauft gewesen, teilte Karl-Klaus-Raabe von der Gemeinsamen Verlagsauslieferung Göttingen am Donnerstag auf Anfrage mit. Bereits am 22. August sei die Erstausgabe vielerorts vergriffen gewesen.

Seit Mittwoch beliefere der Göttinger Steidl-Verlag seine Kunden nun mit der zweiten Auflage von 100 000 Exemplaren. Raabe bestätigte damit einen Bericht der „Bild“-Zeitung. Das Werk über die Jugendjahre des 78-Jährigen stand nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Media Control GfK bereits kurz nach der Veröffentlichung am 16. August auf Platz eins der Verkaufscharts.

Nach dessen Eingeständnis, als Jugendlicher kurz vor Kriegsende zur Waffen-SS einberufen worden zu sein, hatten sich CDU-Politiker gegen die Ehrung ausgesprochen. In einem Schreiben an Xylander in diesen Tagen hat Grass die im März erklärte Annahme des Brückepreises wieder zurückgezogen. Er verwies unter anderem auf die Haltung der CDU-Fraktion. „Ich weiß, wie es ist, wenn ein Preis, der einmal durch eine Jury zuerkannt wurde, nicht verliehen werden kann“, schrieb Grass. Einen solchen Vorgang wolle er der Gesellschaft zur Verleihung des Internationalen Brückepreises nicht zumuten „und ich selbst möchte ihn nicht noch einmal erleben“. Im Jahre 1960 hatte der Bremer Senat die bereits von einer Jury beschlossene Vergabe des Bremer Literaturpreises an Grass abgelehnt.

Laut Xylander hat der Schriftsteller in dem Telefonat am Donnerstag gesagt, er wolle weder Görlitz noch den Preis diskreditieren. Es seien Proteste bei der Preisverleihung zu erwarten. Außerdem habe er auf das derzeit insgesamt angespannte Verhältnis zwischen Polen und Deutschland verwiesen. „Ich habe ihm gesagt, dass die Jury geschlossen hinter ihm steht“, sagte Xylander.

„Aus meiner Sicht gibt es einen Brückepreisträger. Er nimmt den Preis aber nicht entgegen“, sagte Xylander. Aus diesem Grund werde der Jahrgang 2006 ein weißer Fleck bleiben. 2007 soll es aber wieder zu einer Vergabe kommen. Unklar ist derzeit noch, ob das Preisgericht nach der Absage von Grass wie geplant am 5. September nochmal zusammentritt. Die 14 Mitglieder hatten dabei über die Lage beraten wollen. Eine neue Entscheidung über die Preisvergabe sei zu keinem Zeitpunkt geplant gewesen, hieß es. Grass hätte die mit 2500 Euro dotierte Auszeichnung am 15. Dezember entgegen nehmen sollen. Gegenüber der deutschen Grenzstadt Görlitz liegt am anderen Ufer der Neiße das polnische Zgorzelec.

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