
KölnManches Malergenie wurde erst nach seinem Tod entdeckt, weil die Zeitgenossen seine Bedeutung noch nicht zu erkennen vermochten. Gerhard Richter fällt nicht in diese Kategorie. Ihm ist es vergönnt, schon zu Lebzeiten als „Picasso des 21. Jahrhunderts“ (The Guardian) oder „Europas größter moderner Maler“ (The New York Times) gerühmt zu werden.
Auf Ranglisten der wichtigsten Künstler stand er oft auf Platz 1. Seine Gemälde erzielen Rekordpreise. Wenn Richter an diesem Donnerstag 80 Jahre alt wird, dann feiert die Welt den Geburtstag eines Mannes, von dem jetzt schon feststeht, dass er in die Kunstgeschichte eingehen wird.
Gerhard Richter steht jeden Tag im Atelier und ist seit nunmehr fast 60 Jahren künstlerisch tätig. So ist ein ungeheuer umfangreiches Oeuvre entstanden. Von einigen Werken steht jetzt schon fest, dass sie zu Ikonen der Kunstgeschichte geworden sind.
„Tante Marianne“ (1965), Privatbesitz (Asien): Das Doppelporträt, nach einem Foto gemalt, zeigt Richters Tante Marianne Schönfelder mit einem Baby - dem vier Monate alten „Gerd“ selber. Im Strampler und mit Rassel
liegt er vor ihr auf einem Paradekissen. Das Bild erscheint zunächst wie ein beliebiges Foto aus dem Familienalbum. Dahinter verbirgt sich jedoch eine furchtbare Geschichte: Tante Marianne war schizophren und wurde von den Nazis zunächst zwangssterilisiert, dann getötet. Wenn der kleine Gerd Dummheiten machte, drohte ihm die Mutter: „Du endest wie Tante Marianne!“ Später heiratete Richter die Tochter des ehemaligen SS-Arztes Heinrich
Eufinger, der selbst an den Zwangssterilisierungen beteiligt war. So kreuzen sich in Richters Familiengeschichte die Linien von NS-Opfern und Tätern.
„Ema - Akt auf einer Treppe“ (1966): Museum Ludwig, Köln. Das Bild gilt heute als eines der schönsten Werke Richters, doch 1966 war es ein Skandal. Eine schöne nackte Frau zu malen - das war reaktionär, das hatten in Deutschland zuletzt die Nazis gemacht. Das Bild erschien wie eine Trotzreaktion auf ein Schlüsselwerk der Moderne, Marcel Duchamps „Akt, eine Treppe herabsteigend“ (1912), das den Bewegungsablauf einer Figur stark abstrahiert zusammenfasst. Richters Bild dagegen sieht aus wie ein unscharfes Foto. Der Direktor der Berliner Nationalgalerie lehnte es denn auch mit der Begründung ab: „Ich sammle keine Fotos, sondern Malerei.“ Tatsache
ist: Seit diesem Bild haben viele Künstler wieder angefangen, Akte zu malen. Die Frau auf dem Bild - Richters erste Frau Ema (eigentlich Marianne Eufinger) - ist heute weltberühmt. Sie selbst hat allerdings seit ihrer Scheidung vor 30 Jahren mit „Herrn Richter“ abgeschlossen und betrieb zuletzt einen Secondhandshop im Rheinland.
„18. Oktober 1977“ (1988), Museum of Modern Art, New York: Dieser Gemäldezyklus aus 15 Bildern über die RAF ist Richters umstrittenstes Werk. Der Titel bezieht sich auf die „Todesnacht von Stammheim“, als Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihrer Zelle Selbstmord begingen. Die Bilder sind alle von Schwarzweiß-Fotos abgemalt, überwiegend Polizei- und Pressefotos. Kritiker werfen Richter vor, den Terrorismus zu verharmlosen, weil er nur die Täter, aber kein einziges Opfer wie zum Beispiel Hanns Martin Schleyer gemalt hat. Richter selbst sagt, er wolle die RAF mit den Bildern weder verurteilen noch entschuldigen. Seine Bilder sind dokumentarisch-distanziert. Er berichtet eher, als dass er kommentiert. Die Deutung überlässt er dem Betrachter.
In der Neuen Nationalgalerie in Berlin öffnet zu Ehren des Künstlers am 12. Februar das „Gerhard Richter Panorama“ mit rund 150 Gemälden aus allen Schaffensperioden. Das Gerhard Richter Archiv in Richters Heimatstadt Dresden versammelt in der Ausstellung „Atlas“ Fotografien, Zeitungsausschnitte, Skizzen und Entwürfe, die der Künstler über Jahrzehnte zusammengetragen hat. Richter selbst sieht Lobeshymnen auf sich eher skeptisch: „Was mir bei diesen Anlässen immer sehr unangenehm ist, sind die vielen Menschen, die sagen werden, wie toll die Ausstellung ist“, sagte er kürzlich der „Welt am Sonntag“. „Das sagen sie immer, es sei ganz toll. Und das bedeutet ja nichts.“ Auch mit Sammlern, die Millionenbeträge für seine Werke zahlen, kann er nichts anfangen. „Ein guter Sammler ist für mich jemand, den ich noch nie getroffen habe“, sagte er. Die einhellige Begeisterung der Kunstwelt für Richter steht dabei in einem merkwürdigen Gegensatz zu der Ratlosigkeit, mit der das große Publikum seine Bilder betrachtet. Die „Kerze“ zum Beispiel, die im Oktober zwölf Millionen Euro erzielte, wirkt geradezu banal. Was soll daran nun so toll sein?
Geboren am 9. Februar in Dresden als Sohn eines Lehrers und einer Buchhändlerin
Ausbildung zum Bühnenmaler in Zittau
Zulassung zum Studium an der Hochschule für bildende Künste Dresden
Diplomabschluss mit einer Wandmalerei im Deutschen Hygienemuseum, Dresden
Erste Heirat mit Marianne „Ema“ Eufinger (Scheidung 1982)
Besuch der documenta in Kassel
Flucht in den Westen. Studium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf
Wechsel in die Klasse des einflussreichen Kunstprofessors Karl Otto Götz. Freundschaft mit Sigmar Polke
Erste Ausstellungen in München und Düsseldorf
Geburt der Tochter Babette (Betty)
Gastdozent an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg
Reise mit seinem Malerfreund Blinky Palermo nach New York
Professur an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf
Richter vertritt die Bundesrepublik auf der Biennale in Venedig
Zweite Heirat mit der Bildhauerin Isa Gensken (Scheidung 1993)
Umzug nach Köln
Beendigung der Lehrtätigkeit in Düsseldorf
Dritte Heirat mit der Malerin Sabine Moritz, mit der er heute drei Kinder hat
Goldener Löwe der Biennale Venedig. Praemium Imperiale, Tokio
Retrospektive im Museum of Modern Art, New York
Gründung des Gerhard-Richter-Archivs in Dresden
Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Köln. Einweihung des von Richter gestalteten Fensters im Kölner Dom
Retrospektive an der Tate Modern, London
„Zu der Zeit, als Richter 1961 aus der DDR in den Westen floh, sprachen viele vom Ende der Malerei“, erläutert die Kunstbuchautorin Angela Wenzel aus Düsseldorf. Wenn es um möglichst realistische Abbildungen ging, war die Malerei der Fotografie hoffnungslos unterlegen. Und auch das, was Impressionisten und Expressionisten gemacht hatten - die Welt ganz subjektiv durch die eigene Brille zu sehen oder das eigene Gefühlsleben auf der Leinwand auszubreiten - schien ausgereizt. Richter gilt heute als derjenige, der der Malerei doch wieder eine neue Bedeutung gegeben hat.
Zu Tante Marianne: Das Seltsame ist, dass Richter angibt, nichts von der Geschichte der Tante Marianne gewusst zu haben,
bis ihn sein Biograph darauf hingewiesen hat.
Ein verstörender Befund. Glaubwürdig? Ich habe unter http://wp.me/PI5I6-1E dazu einen Essay geschrieben:
Der Maler Gerhard Richter und die Tante Marianne.
E. Stegentritt
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