
HB BERLIN. Das Projekt knüpft an ein berühmtes Vorbild an. 1978 reflektierten unter anderen Rainer Werner Fassbinder und Volker Schlöndorff in "Deutschland im Herbst" über die damals von Terror und Protesten geprägte Bundesrepublik. Dieses Mal sind so unterschiedliche Künstler wie Tom Tykwer, Fatih Akin, Dani Levy, Wolfgang Becker, Angela Schanelec, Dominik Graf, Sylke Enders, Hans Steinbichler, Hans Weingartner, Isabelle Stever,Christoph Hochhäusler, Romuald Karmakar und Nicolette Krebitz dabei.
Irgendwann sei das Boot einfach voll gewesen, begründete Tykwer diese Auswahl. Regisseure wie Hans-Christian Schmid hätten zudem andere Drehs gehabt. Der Film vereine ein gutes Dutzend individuelle filmische Blicke auf das, "was wir heute und jetzt als Heimat erleben - und wie wir uns in diesem Land verorten, verirren, verstricken". Die Reihenfolge der Episoden sei von der Cutterin vorgeschlagen worden, sie habe die "übergreifende künstlerische Beratung" gehabt. Das Projekt gehe auf ein Gespräch mit Fernsehredakteuren zurück.
Die Vorgaben für die Regisseure waren, dass sie ihre persönliche Wahrnehmung und eigene filmische Sicht auf das heutige Deutschland darstellen sollten. Der Beitrag durfte nicht länger als zwölf Minuten dauern. Ansonsten waren sie in der Gestaltung völlig frei. So entstanden experimentelle, essayistische, abstrakte und konkrete Beiträge. Repräsentativ ist dieser Blick nicht, soll und kann es auch nicht sein.
Merkel beim Psychiater
So zeigt beispielsweise Levy eine absurde Komödie, in der er selbst mitwirkt und ein deutsches, von einem Psychiater verschriebenes Heilmittel einnimmt, das die schlechte Stimmung vertreibt. Sein Sohn fliegt davon, landet auf dem Schreibtisch von Kanzlerin Angela Merkel, die am Ende selbst auf der Couch sitzt.
Akin zeigt ein Interview mit dem ehemaligen Guantánamo-Häftling Murat Kurnaz, der sich bitterlich über den ehemaligen Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier beklagt und erklärt, diesem niemals verzeihen zu können. "Ich wollte, dass der Fall nicht vergessen wird. Das war auch ein deutscher Skandal", sagte Akin.
In Hans Steinbichlers Episode ist ein Unternehmer zu sehen, der ausrastet, als er sieht, dass seine "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ihr Layout geändert hat. Er kauft alle Zeitungen auf und lässt sie vor der Redaktion verbrennen. Für ihn als langjährigem Leser der Zeitung sei die Änderung tatsächlich ein Schock gewesen, erzählte Steinbichler. "Mich interessiert, was da mit mir los war."
Auf den Überwachungsstaat Deutschland macht Hans Weingartner aufmerksam, der den authentischen Fall von Andrej Holm zeigt, der erst elf Monate überwacht und dann eingesperrt wurde, obwohl er unschuldig war. Es sind die vielfältigen und überraschenden Ideen mit Tiefgang, die den Film so interessant machen. Träume, Geschäftsleute, vernachlässigte Kinder, ein iranischer Barbesitzer oder die sich wandelnde Architektur als Symbol von Politik sind weitere Themen. Interessant und aussagekräftig ist aber auch, was dem Film fehlt: Die Geschlechterthematik, Rechtsextremismus oder Ost-West-Konflikte spielen wenn, dann nur am Rand eine Rolle.
Die beteiligten Regisseure waren alle Feuer und Flamme, an dem Projekt teilzunehmen. "Es hat mich sehr interessiert, in solch einer heterogenen Filmgruppe mitzuarbeiten", sagte Karmakar. Der Film startet am 26. März in den Kinos.