
BielefeldNach dem Fall der Berliner Mauer schien Marx abgeschrieben - jetzt klingt seine Kapitalismuskritik plötzlich wieder modern.
Wehler: Ich glaube, dass die Renaissance von Marx wesentlich damit zusammenhängt, dass er als einer der allerersten erkannt hat, dass der Kapitalismus auf die Globalisierung hin tendiert. Das haben sehr wenige gesehen.
Inwiefern hat er das vorhergesehen?
Wehler: Marx hat ganz früh gesagt: Der Kapitalismus wird sowohl China als auch Indien und Lateinamerika erobern und die Welt in einen einzigen globalen Zusammenhang bringen. Darüber haben die Leute gelächelt, haben ihn auch für einen etwas spinnerten Mann gehalten.

Er hat China und Indien bereits explizit genannt?
Wehler: Ja, das ist in meinen Augen eine große Leistung von Marx.
Inwiefern hat Marx die heutige Weltwirtschaft vorausgesehen?
Wehler: Die Globalisierung, wie wir sie jetzt verstehen, kommt zustande nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs. Da werden die Amerikaner in ganz kurzer Zeit zu einer Wirtschaftsmacht, die sowohl den Weltagrarmarkt mit schafft wie auch unmittelbar hinter England den Industriemarkt. Dann kommt eine Expansionsphase, die mit gewaltiger Kraft dazu führt, dass in den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg die große Welle des Globalisierungsprozesses sich durchsetzt. Dann bricht das ab durch die ungeheuren Verluste, die der Weltkrieg in allen entwickelten Staaten herbeiführt. Und nach dem Ersten Weltkrieg setzt der Zweite Weltkrieg dieses Zerstörungswerk relativ schnell fort.
Der Philosoph Karl Marx ist der Begründer des Marxismus. Er wurde am 5. Mai 1818 als Sohn eines Rechtsanwalts in Trier geboren. Er studierte Jura, Geschichte und Philosophie in Bonn und Berlin.
1843 heiratete er Jenny von Westfalen und siedelte nach Paris über. Dort studierte er sozialistische und kommunistische Ideen und begann eine engere Zusammenarbeit mit Friedrich Engels. Auf Anordnung der preußischen Regierung ausgewiesen, ging Marx nach Brüssel, wohin auch Engels folgte.
Dort entstand das „Kommunistische Manifest“ (1848), eine Programmschrift, die Marx und Engels für den kommunistischen Londoner „Bund der Gerechten“ ausarbeiteten. Daraus stammt auch der Aufruf zum Klassenkampf: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“.
1848 wurde Marx auch aus Brüssel ausgewiesen, er ging über Köln nach London. Dort lebte er von wissenschaftlichen Arbeiten. In der 1864 in London gegründeten „Ersten Internationalen“ war er führend tätig.
In London entstanden seine Hauptwerke „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ (1859) und „Das Kapital“ (1867). Marx starb verarmt am 14. März 1883 in London.
Das Ausmaß der wirtschaftlichen Verflechtung vor dem Ersten Weltkrieg ist dann erst ungefähr 60 Jahre später wieder erreicht worden.
Wehler: Ja, so kommt ein Prozess zustande, der mit einer merkwürdigen Verspätung das erreicht, wozu er bereits vor 1914 imstande gewesen wäre, wenn da nicht die beiden Kriege gewesen wären.
Man könnte also sagen: Das was Marx vorausgesagt hat, ist mit Verspätung doch eingetroffen.
Wehler: Ja, das ist richtig.
Aber Marx bleibt da ja nicht stehen. Er hat dieses Phasenmodell entwickelt, wonach auf den Kapitalismus der Sozialismus folgt.
Wehler: Ja, er hat diese merkwürdige Zielvorstellung, dass das Proletariat sich durchsetzen wird. Aber schon der alte Friedrich Engels hat zu Beginn der 1890er Jahre ganz klar gesehen, dass es zu diesem Prozess nicht kommen wird.
Da hat sich Marx also kräftig geirrt.
Wehler: Ich bin der Meinung, dass Marx sich vergaloppiert hat mit seiner großen universalgeschichtlichen Prognose, dass das Proletariat zur überwiegenden Macht werden wird, die das Bürgertum in einem revolutionären Prozess verdrängen wird.
Was kann Marx uns heute noch sagen? Was können wir von ihm lernen?
Wehler: Ich glaube gar nichts. Marx hat sein Prognosepotenzial erschöpft. Überall hat sich der ursprüngliche Marxismus zu einem Reformkapitalismus entwickelt, und der hat nichts mehr zu tun mit Marx' ursprünglichen Vorstellungen.