
BerlinAls der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler die internationalen Finanzmärkte 2008 als ein „Monster“ bezeichnete, sprach er vielen aus der Seele. Das Gefühl, einer außer Kontrolle geratenen Macht ausgeliefert zu sein, ist spätestens seit dem Finanzcrash vor drei Jahren weit verbreitet.
Auch der britische Schrifsteller Robert Harris teilt dieses Gefühl – aber bereits seit 1999. Damals kam ihm die Idee für ein Buch, das sich mit der wachsenden Macht von Unternehmen beschäftigt, die modernste Informationstechnologien nutzen und so die Freiheit immer stärker einschränken. Aber erst der Zusammenbruch der Wall Street öffnete ihm die Augen, dass seine Schreckensversion auf den Finanzmärkten längst Realität ist.
Dass Harris seinen Thriller „Angst“ (The Fear Index) ausgerechnet in Genf abseits der großen Finanzzentren spielen lässt, ist dabei kein Zufall. Die Schweizer Stadt am See beheimatet nicht nur viele Hedge-Fonds und Wissenschafter vom nahegelegenen Forschungszentrum CERN, sondern ist auch der Ort, an dem Mary Shelley ihren Frankenstein ersann. Ebenfalls ein von Menschenhand geschaffenes Monster, das außer Kontrolle gerät und zur Bedrohung für seine Erfinder wird. Die Parallele zur Finanzwelt ist offensichtlich.
So sind es denn auch weniger die gierigen Banker oder Finanzjongleure, die Harris aufs Korn nimmt, sondern das Böse ist bei ihm anonym und steckt im Finanzsystem. Der Brite nähert sich dem Phänomen mit den Augen eines Naturwissenschaftlers (Dr. Hoffmann), der fasziniert ist von der künstlichen Intelligenz, mit der Algorithmen unzählige digitale Informationen in Millisekunden verarbeiten und in Handelstransaktionen an den Märkten umsetzen. Erst durch das Zusammentreffen von Genie und Gier (verkörpert durch den Hedge-Fonds-Manager Hugo Quarry) entsteht jenes Monster, das allen Beteiligten über den Kopf wächst.
In seinem Roman „Angst“ entwirft Robert Harris eine Idee, die erschreckender kaum sein könnte. Ein Wissenschaftler entwickelt eine Methode, wie ein Hedge Fonds funktionieren könnte. Das erschreckende an dem Buch ist, dass selbst die verrückteste Begebenheit glaubwürdig klingt.
Die Hauptperson in Harris’ Buch heißt Alex Hoffmann. Der US-Wissenschaftler hat früher beim CERN geforscht, sich vor acht Jahren aber selbstständig gemacht. Inzwischen ist sein Hedgefonds einer der erfolgreichsten der Welt, er selbst rund eine Milliarde schwer.
Grundsätzlich arbeitet Hoffmanns Team nach einfachen Prinzipien: Sie kaufen ein paar hundert verschiedene Werte und handeln damit in einem 24-Stunden-Rhythmus. Meist handelt es sich um liquide Futures etwa aus dem Dow Jones oder dem S&P 500 sowie die üblichen Rohstoffe. Grundsätzlich gilt: Der beste Wegweiser ist die Vergangenheit.
Doch die Händler entscheiden nur sehr bedingt selbst, was der Hedge Fonds kauft und was nicht. Das übernimmt ein Algorithmus. Hoffmann hat ihn entwickelt und über die Jahre verfeinert.
Der Algorithmus bestimmt die Positionen, die der Hedge Fonds hält, auf der Basis detaillierter Analysen vorangegangener Entwicklungen. Das alles findet im Hochfrequenzhandel statt. Das heißt, die Positionen werden nur wenige Millisekunden lang gehalten.
Der Algorithmus ist gerade bei fallenden Kursen erfolgreich, weil der Mensch in schwierigen Situationen am berechenbarsten funktioniert. In Panik handelt er auf eine Art und Weise, die ein Computer relativ leicht vorausahnen kann.
Der Algorithmus wäre natürlich vollkommen überfordert, alle menschlichen Verhaltensweisen vorausberechnen zu müssen. Daher hat sich Hoffmann auf eine wesentliche Emotion beschränkt: die Angst.
Harris hat mit „Angst“ einen wahrhaft aufklärerischen Krimi geschrieben, der nicht nur die gewohnt gute Unterhaltung bietet, sondern den Leser tief in den Maschinenraum der modernen Finanzmärkte blicken lässt. Der Brite führt uns dabei vor Augen, was der Politiker Köhler vermutlich mit seinem „Monster“-Schlagwort sagen wollte. Welchen Schuss zieht der Autor selbst aus seiner Erkenntnis? „Man kann die Märkte nicht sich selbst überlassen.“