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Die Shortlist: Mit Bürgerspenden für ein neues Gemeinwesen

In seinem neuen Buch rechnet Philosoph Peter Sloterdijk mit dem deutschen Steuersystem ab und liefert stattdessen einen ganz eigenen Vorschlag. Dieser soll auch dem deutschen Gemeinwesen wieder Leben einhauchen.

Einkommenssteuer ist nichts als ein „funktionales Äquivalent zur sozialistischen Enteignung“, sagt Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch. Quelle: dpa
Einkommenssteuer ist nichts als ein „funktionales Äquivalent zur sozialistischen Enteignung“, sagt Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch. Quelle: dpa

DüsseldorfSchon Benjamin Franklin hat es gewusst: „Nichts in dieser Welt ist sicher, außer dem Tod und den Steuern.“ So schrieb er kurz vor seinem Tod im Jahr 1790 seinem Briefpartner. Bis heute hat dieser Ausspruch nichts an seiner Aktualität verloren. Denn auch der deutsche Staat ist ein Steuerstaat. Die Diskussion über Erhöhungen oder Senkungen beschäftigt in regelmäßiger Wiederkehr Politik und Medien.

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Mit seinem Buch „Die nehmende Hand und die gebende Seite“ versucht Peter Sloterdijk, der Debatte eine völlig andere Richtung zu geben. Denn er zweifelt nicht nur einzelne Aspekte oder Steuersätze an, sondern das System an sich. Das heutige Steuersystem bestehe aus einer progressiven „Einkommensteuer, die in der Sache nicht weniger bedeutet als ein funktionales Äquivalent zur sozialistischen Enteignung, mit dem bemerkenswerten Vorzug, dass sich die Prozedur Jahr für Jahr wiederholen lässt.“ Alle Gewalt geht vom Fiskus aus - das sei die „okkulte Wahrheit“.

Sloterdijk versteht es zu provozieren. Nur so, glaubt er, könne er die Gesellschaft wachrütteln. Zwar sei sie die materiell reichste Gesellschaft der Geschichte, doch auch „die mürrischste, die unzufriedenste und misstrauischste“, die es in Friedenszeiten je gab.

Doch Sloterdijk glaubt, mit einem Vorschlag für ein neues Steuersystem die Lösung des Problems gefunden zu haben: „eine allmähliche Umwandlung des bestehenden Steuersystems von einem bürokratisierten Ritual der Zwangsabgaben in eine Praxis freiwilliger Bürgerbeiträge zum Gedeihen des Gemeinwesens“. Die Bürger sollten also nicht mehr das Gefühl haben, der Fiskus würde das Geld von ihnen nehmen. Vielmehr könnten sie dem Staat geben, was sie für richtig halten. Er will weg von Steuern als Zwangserhebungen, hin zu freiwillig erbrachten Bürgerspenden. „Nur eine solche Transformation, behaupte ich, könnte die in Routinen der Staatsverdrossenheit erstarrte Gesellschaft reanimieren und einen neuen Hauch von Gemeinwesenbewusstsein in die selbstbezüglich gewordenen Funktionssysteme tragen“, schreibt er.

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Das Buch greift die Diskussion auf, die nach einem Essay Sloterdijks in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ entstanden war. Wochenlang bestimmte der Philosoph mit seinem Steuerreformvorschlag die Feuilletons; es gab aufgebrachte Leserstimmen, Repliken und Gegenrepliken. Der Moderator des „Philosophischen Quartetts" gehört wohl zu den wenigen Deutschen, die eine solche Debatte überhaupt auslösen können.

Er veröffentlicht im Buch eine Auswahl seiner Texte sowie Gespräche, die Journalisten verschiedener Zeitungen mit ihm geführt haben. Seit 2005 lässt sich daran die Entstehung der Krise nachlesen - an deren Ende für Sloterdijk ebenjene Erkenntnis steht, dass das ganze System nur mit einem neuen Steuersystem zu ändern sei. „Über die Chancen für die rasche Akzeptanz meiner Überlegungen machte ich mir von vornherein wenig Illusionen“, schreibt er. Daher bezeichnet er seine Beiträge auch als „Diskussionsexperiment“.

Sloterdijk hat eine gut lesbare Form für dieses theoretische, komplexe Thema gewählt. In einem längeren Vorwort legt er seine Position zunächst noch einmal dar, dann folgen Essays und Interviews. Das macht die Lektüre des Buches nicht nur gut überschaubar, sondern auch kurzweilig -in einfacher Sprache und kurzen Kapiteln.

Mehr Bürgerverantwortung heißt seine Losung. Ein neues soziales Klima müsse geschaffen werden. Dass es bis dahin ein weiter Weg ist, sei ihm bewusst. Seine Überlegungen mögen daher zwar manchem naiv erscheinen. Der Beweis, dass sie nicht funktionieren, steht jedoch aus: „Nichts spricht a priori dagegen, sich das freie Geben fürs Gemeinwesen, wie jetzt das erzwungene Steuerzahlen, als eine regelmäßige und in Grenzen vorhersehbare Tätigkeit vorzustellen - nichts, außer dem Mangel an sozialer Phantasie“, schlussfolgert er.

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